Kultur

Sehnsucht nach Paris

Von der Straße in die Hallen: Es dauert eine Weile, bis der Funke bei Zaz überspringt

Es ist schon verrückt: Da bemüht man sich um ein vereinigtes Europa und weiß in der Regel noch nicht einmal, was sich in der Pop-Landschaft der Nachbarländer abspielt. Eine Ausnahme bildet seit Längerem die in Paris lebende Isabelle Geffroy alias Zaz.

Die Max-Schmeling-Halle ist mit über 3000 Zuschauern gut besucht, als die 36-jährige Französin in schwarzem Blazer und bis oben zugeknöpftem Hemd die Bühne betritt. Von der hibbeligen, hippiesken Newcomerin, die im Jahr 2010 ihr gefeiertes Debüt gab, ist nur noch wenig zu spüren. Begleitet von einer siebenköpfigen Band beginnt sie ihren Auftritt mit „Paris sera toujours Paris“, einem Klassiker von Maurice Chevalier, den die ehemalige Straßenmusikerin für ihr Coveralbum „Paris“ neu aufgenommen hat. Es ist nur eine von vielen Liebeserklärungen an ihre Heimatstadt, stilecht vorgetragen mit schwelgerischem Akkordeon, Kontrabass und perlender Gitarre. Den Bühnenhintergrund bilden Stadtansichten mit den kleinen, charakteristischen Schornsteinen. Zaz’ grenzenüberschreitender Erfolg hängt natürlich auch damit zusammen, dass sie die Sehnsucht nach einem Paris bedient, das es so wohl nie gegeben hat.

Zum Glück kann und will die klassisch ausgebildete Musikerin mehr als nur eine diffuse frankophile Nostalgie befriedigen. Mal spielt sie wie Jean-Michel Jarre im sich kreuzenden Scheinwerferlicht das Theremin, mal steigert sie sich, wie im Song „Déterre“, auf Knien rutschend in harten Synthie-Rock. „Si jamais j’oublie“ bekommt live einen Country-Einschlag verpasst, und beim Édith-Piaf-Cover „Dans ma rue“ wird die Stimmung geradezu finster. Vielleicht liegt es auch an dieser stilistischen Vielseitigkeit, dass trotz ihrer virtuos aufspielenden Band und mehreren Kostümwechseln der Funke lange Zeit nicht richtig überspringen will.

Erst bei den bis zum Ende aufgesparten Singlehits „On ira“ und „Je veux“ kommt flächendeckend Bewegung in die Menge. Zaz, die mittlerweile einen luftigen Hosenanzug mit Nadelstreifen trägt, hüpft auch nach knapp zwei Stunden auf und ab wie ein Fliegengewicht in der ersten Runde. Zwischendurch hält sie immer wieder das Mikro in die Menge, wobei die Energie zwischen den laut zurückschallenden Refrains immer wieder einbricht. „Ihr könnt auch einfach ‚lalala‘ singen, wenn ihr kein Französisch versteht“, sagt sie auf Französisch und lächelt dazu ihr charmantes Lächeln. Die Zuschauer verstehen sofort und lassen sich nicht lange bitten: „Je veux de l’amour LALALA!“ „La bonne humeur LALALA!“ „Liberté, oubliez, vos clichés LALALA!“ Völkerverständigung kann so einfach sein.