Marinka an der Komischen Oper

Ruth Brauer-Kwam outet sich als riesiger Tatort-Fan

Ruth Brauer-Kwam spielt am Sonntag die Marinka an der Komischen Oper. Wir sprachen mit ihr über die Mayerling-Affaire und den Tatort.

Brauer-Kwam singt am Sonntag die Titelrolle der Marinka an der Komischen Oper

Brauer-Kwam singt am Sonntag die Titelrolle der Marinka an der Komischen Oper

Foto: Marion / Marion Hunger

Erfolg hin, Erfolg her: Daheim in Wien muss Schauspielerin und Sängerin Ruth Brauer-Kwam nicht nur Fragen über sich selbst, sondern vor allem auch über ihren Vater beantworten. Arik Brauer ist in Österreich ein berühmter Maler, Sänger, Dichter. Das inzwischen 87-jährige Allroundgenie gilt als Hauptvertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus, was eine Spielart des Surrealismus ist. Man mag sofort an bunte Vögel denken. Wie es denn war, in einer Künstlerfamilie aufzuwachsen, wird seine Tochter Ruth immer wieder gefragt. „Urspießig“, antwortet sie dann gern und freut sich über die verdutzten Blicke. Ruth Brauer-Kwam (44) kann so wunderbar lachen. Aber die Antwort ist natürlich nur die halbe Wahrheit. „Für mich war es ganz normal, so aufzuwachsen, wenn man malen wollte, dann malte man, wenn man singen wollte, dann sang man, oder man tanzte“, sagt sie. Begonnen hat sie mit einer klassischen Ballettausbildung. Das war noch in Israel, wo sie im Künstlerdorf Ein-Hod südlich von Haifa aufgewachsen ist.

In Wien ist sie auf Regisseur Barrie Kosky getroffen

Mit 19 Jahren kam sie dann zur Musicalausbildung ans Theater an der Wien. „Ich habe schnell gemerkt, dass reines Musical nicht meine einzige Leidenschaft ist“, sagt sie. Ihr fehlte die schauspielerische Herausforderung. Ihre Karriere begann im Wechsel zwischen Schauspiel, Musiktheater und Musical. Sie hat „My fair Lady“ oder „Cabaret“ gespielt. Aber so richtig zu Hause habe sie sich erst bei Regisseur Barrie Kosky gefühlt, sagt sie plötzlich, als der am Wiener Schauspielhaus drei Produktionen mit ihr gemacht hat. „Und ohne Barrie hätte ich heute keinen Ehemann und nicht meine zwei Kinder.“ Der Doppelname Brauer-Kwam steht wieder für eine Künstlerehe. Ihr Mann Kyrre Kwam ist Theatermusiker und Sänger.

Regisseur Barrie Kosky ist mittlerweile Intendant der Komischen Oper Berlin und hat über die Oper hinaus ein Händchen für die Tradition der Operette und des Musicals. Gerade auch die vergessenen Werke von jüdischen Komponisten hat der gebürtige Australier im Blick. Am Sonntag wird die Reihe konzertanter Aufführungen zu Unrecht vernachlässigter Meisterwerke aus der Feder Emmerich Kálmáns ihren Abschluss finden. Das 1945 in New York uraufgeführte romantische Musical „Marinka“ erlebt jetzt in Berlin seine europäische Erstaufführung. Ruth Brauer-Kwam singt und spielt die Titelrolle. Darüber hinaus wird sie mit Bariton Peter Bor­ding den Abend moderieren. Es gibt viel zu verhandeln.

Die Mayerling-Affaire

Es gibt vielerlei Legenden und Geschichten rund um die „Tragödie von Mayerling“. Es war der Doppelsuizid des 30-jährigen österreichischen Thronfolgers Rudolf und seiner 13 Jahre jüngeren Geliebten Mary Vetsera im Jagdschloss von Mayerling unweit von Wien 1889. Wie immer in solchen Fällen tauchen Verschwörungstheorien auf. In einer wurde vermutet, der ziemlich freiheitlich gestimmte Thronfolger sei im Auftrag der Monarchie ermordet worden. „Erst vor einiger Zeit hat man einen Brief von der Vetsera in einem Banktresor gefunden“, sagt Ruth Brauer-Kwam: „Darin schreibt sie Abschiedsworte. Man vermutet, dass Rudolf zuerst sie erschossen hat und dann sich selbst. Aber wahrscheinlich erst viele Stunden später in den Morgenstunden. Es ist eine ganz traurige Geschichte, er war ein toller Mann, der in der falschen Zeit lebte, und sie war knapp 18, vielleicht schwanger und schwerst verliebt.“

Eine Tragödie mit scheiternden Hauptdarstellern passt aber nicht ins heitere Musiktheater. Komponist Emmerich Kálmán hat die Geschichte kurzerhand umgeschrieben, es gibt ein Happy End. Statt des Selbstmordes kommt der Kaiser und sagt, so Ruth Brauer-Kwam: „Haut ab und werdet glücklich!“ Sie erklärt sich die Umdeutung auch damit, dass Kálmán im Exil sein Wien vermisst hat. Es seien so viele Walzerthemen im Stück. Als Jude hatte Kálmán nach dem Anschluss Österreichs 1938 Wien verlassen müssen und war über Zürich zunächst nach Paris, von dort 1940 in die USA emigriert. Nach dem Krieg wollte er wieder nach Wien zurück, stieß aber auf heftige Ablehnung. Kálmán ging nach Paris, wo er 1953 verstarb. Inzwischen habe er aber sein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof, fügt Ruth Brauer-Kwam hinzu.

„Für mich hat Deutschland so viel Arbeit getan, hier gibt es ein viel größeres Bewusstsein für den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust als in Österreich“, sagt die Schauspielerin. „Bis in die 70er-Jahre behauptete man in Österreich noch, Opfer zu sein. Es wurde so vieles unter den Teppich gekehrt.“

„Berlin ist die spannendste Stadt in Europa“

Am wohlsten hätte sie sich immer in Berlin gefühlt, sagt Ruth Brauer-Kwam. „Berlin ist die spannendste Stadt in Europa.“ Ende der 90er-Jahre hat sie für drei Jahre in der Stadt gelebt und unter anderem mit Helmut Baumann am Theater des Westens gearbeitet. Gewohnt hat sie am Zionskirchplatz. Sie hat die besten Erinnerungen an diese Jahre, als die Hackeschen Höfe noch mit Secondhandläden bestückt waren. Im Gespräch sagt sie mehrfach „Wahnsinn“. Heute seien der Konsum und der Tourismus stärker im Stadtbild verankert. Sie kennt sich nach wie vor gut in der Stadt aus. Gerade erst war sie in der Gemäldegalerie, der C/O-Galerie und in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Sie freut sich darauf, künftig öfter in Berlin zu gastieren.

Der Tatort-Fan

In Wien ist sie Ensemblemitglied im Theater in der Josefstadt und macht zwei, drei Stücke im Jahr. Darüber hinaus unterrichtet sie Schauspiel am Konservatorium. Da geht es nicht nur um die Technik, die Studenten sollen auch erkennen, „dass jeder Sänger und Schauspieler das Leben kennen muss“. Auch in Österreich gehört es offenbar zum guten Ton, als Schauspieler im „Tatort“ mit dabei zu sein. „Ich bin ein totaler ,Tatort‘-Fan. Ich ärgere mich immer, wenn ich sonntags spielen muss“, sagt sie: „Der ,Tatort‘ ist noch ein Rest der guten alten Fernsehtradition. Ich habe auch noch einen Röhrenfernseher.“

Sie selbst war in diesem Jahr in der Wiener „Tatort“-Folge „Sternschnuppe“ zu sehen. Darin habe sie eine coole 80er-Jahre-Rockerbraut gespielt, deren Sohn bei einem schrecklichen Castingding mitmacht. Sie wird verdächtigt, den Showproduzenten ermordet zu haben. „Und ich hatte einen Flirt mit dem Kommissar“, sagt sie und lacht kokett. Sie hat offenbar viel Spaß am Fernsehen. Zu ihren Favoriten unter den Kommissaren gehören übrigens Ulrich Tukur und Meret Becker.

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