Film

Ein Dokumentarfilm, der das Publikum spaltet: „Austerlitz“

Ein Regisseur filmt Touristen beim Besuch des ehemaligen KZ Sachsenhausen. Was ist skandalöser, ihr Verhalten oder dass man das filmt?

Darf man das? Touristen fotografieren sich am Eingang mit dem berüchtigen „Arbeit macht frei“-Tor

Darf man das? Touristen fotografieren sich am Eingang mit dem berüchtigen „Arbeit macht frei“-Tor

Foto: deja-vu Film

Touristen an einem Sommertag: Als steter Strom durchqueren sie eine Art Freilichtmuseum. Sie zeigen viel Haut, haben Rucksäcke und Kinderwagen dabei, fotografieren, trinken, vespern. Alles scheint normal, und doch ist es das glatte Gegenteil. Denn diese Touristenprozession führt nicht durch irgendeine antike Ruine, sondern durch die Konzentrationslager-Gedenkstätte Sachsenhausen.

Der russisch-ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa filmt die Besucher in langen, starren Schwarzweiß-Aufnahmen. Die Kamera hat er in einiger Distanz aufgebaut, ein Mikrofon fängt das Rauschen der Gespräche ein. Den Blickwinkel wählt Loznitsa in jeder Einstellung so, dass der Zuschauer kaum etwas von der Gedenkstätte selbst sieht, nur die Besucher und ihre schweifenden Blicke.

Völig gegensätzliche Reaktionen

Dieses teilnahmslose Beobachten der Touristen lässt sie gedankenlos, ja geradezu unanständig wirken mit ihren kurzen Hosen und ihrer Touristenapparatur. Weshalb der Film zwei in ihrem Gegensatz interessante Reaktionen hervorruft: Die einen ereifern sich über das leichtfertige, dummdreiste Gebaren der Touristen, die an dem „Arbeit-macht-frei“-Tor ein Andenkenfoto machen. Die anderen empören sich darüber, dass hier interessierte Besucher verunglimpft werden, deren Äußeres wenig darüber aussagt, was sie tatsächlich empfinden.

Der Film, dessen Titel sich auf den gleichnamigen Held des Romans von W. G. Sebald beziehen soll, gibt keinen Kommentar. Tatsächlich fällt die Wut des Zuschauers letztlich auf ihn selbst zurück. In ihr spiegelt sich die Grausamkeit der Gedenkstätte wider, die die Erinnerung an unaussprechliches Leid zur pädagogischen Besichtigung freigibt. So steht das sichtliche Wohlbefinden der Touristen im höhnischen Widerspruch zur Gewalt, die hier ausgeübt wurde, zum Schmerz der Opfer. Die nach außen so gleichgültig wirkenden Besuchermassen erzeugen diesen Widerspruch nicht erst, sie machen ihn aber sichtbar.