Kultur

Ein fröhlicher Querulant

Claus Peymann stellte im Berliner Ensemble sein Buch „Mord und Totschlag“ vor

Es waren ja gleich mehrere Cläuse und Peymänner, die da am Sonntagvormittag das voll besetzte Berliner Ensemble zum Lachen brachten, zu abruptem Applaus reizten und am Ende auch zu ein paar Tränen rührten. „Mord und Totschlag“ heißt das 500-Seiten-Lebenskompendium, das der langjährige Intendant und Querulant und sein Herausgeberteam um Jutta Ferbers zusammengestellt haben. Schriftsteller-Briefe, Zeitzeugnisse, peymannsche Randbemerkungen, Skandal-Interviews. Von Stuttgart über Bochum und Wien nach Berlin: Im Untertitel steht die „Kunst“ neben dem „Leben“, kein „und“, kein „oder“, nur ein aufrechter Strich trennt oder verbindet beides.

Als es das Wort „Shitstorm“ noch nicht gab, das lernt man aus Peymanns Lebenskunstbuch, gab es Leute, die mit Kot gefüllte Pralinenschachteln an Schauspieler Gert Voss schickten oder gleich einen ganzen Misthaufen vor dem Wiener Burgtheater abluden (das Peymann vor seiner BE-Zeit leitete). Aber diese schlimmsten Abgründe lässt er an diesem 3. Advent weg. Er will es lieber, wie sonst auch so oft in seinen Regiearbeiten, beschwingt, heiter und froh.

Heute sind nur Fans da. Natürlich! Da kommt der Gegenwarts-Peymann also hereingehüpft aus dem Bühnen­dunkel, als wäre er einer jener elastischen Pop-Opas, aber er ist doch mehr Kobold als Mick Jagger. Nach vorne also, grinsend, wo schon seine Weggefährten warten, die Dramaturgen Jutta Ferbers und Hermann Beil. Sie lesen und werden zu Neben-Peymännern: „Peymann rülpst – und schaut sich triumphierend um“. Ein hellsichtiger Eintrag ins Klassenbuch von 1947. Hinten erscheint dazu ein Foto mit nacktem Kleinkind. Er selbst. In stolzer Pose. Claus, der Ältere, winkt fröhlich seinem Alten Ego zu, äfft die Pose nach, lacht sich selbst aus, setzt sich und liest mit. Schmeißt jedes Blatt, kaum ist es ausgelesen, auf den Boden.

Er habe eigentlich Schriftsteller werden wollen, liest er vor, aber „die Einsamkeit des Schreibens“ nicht ausgehalten. Blatt für Blatt feuert er zu Boden wie ein unordentlicher Schüler, zornig und gleichzeitig froh darüber, dass sein eigenes Schaffen nur Abend für Abend existiert. Und das, so sein optimistisches Credo, vielleicht doch eine Spur, ja eine „Kraft“ im Zuschauer hinterlasse. Sein Theater-Winter ist längst angebrochen, das weiß der Gegenwarts-Peymann. Und die Bühne bleibt, das weiß der alte Kindskopf auch.