Kultur

Triumph für den deutschen Film

In Wroclaw gewinnt„Toni Erdmann“ der Berliner Filmemacherin Maren Ade gleich fünf Europäische Filmpreise

Sie hat wohl selbst nicht damit gerechnet. Nur wenige Stunden vor der Verleihung des Europäischen Filmpreises im polnischen Wroclaw (Breslau) verriet die Berliner Filmemacherin Maren Ade, dass sie sich nicht auf einen Erfolg vorbereiten werde. „Weil ich heraus­gefunden habe, dass es besser ist, nichts zu erwarten.“ In Cannes war sie im vergangenen Mai von der internationalen Presse für ihren herausragenden Film „Toni Erdmann“ frenetisch gefeiert worden. Doch am Ende gab es nicht eine einzige Auszeichnung. Die Goldene Palme gewann Ken Loach für sein kämpferisches Sozialdrama „Ich, Daniel Blake“.

Nun, beim Europäischen Filmpreis, ging „Toni Erdmann“ mit fünf Nominierungen wieder als Favorit ins Rennen, dicht gefolgt von Loachs Film mit vier Nominierungen. Und dann geschah es doch noch, das „deutsche Wunder“, das in Cannes allzu früh prophe­zeit worden war. Erst wurde Maren Ade fürs beste Drehbuch ausgezeichnet, Peter Simonischek und San­dra Hüller gewannen beide als beste Schauspieler. Und dann folgte für Ade nicht nur der Regie-Preis, sondern auch noch der für den besten Europäischen Film. Die fünf wichtigsten Preise gingen alle an „Toni Erdmann“.

Ein später Triumph. Ein umgedrehtes Cannes: Diesmal war es Loach, der leer ausging. Ein verfrühtes Geburtstagsgeschenk für Maren Ade, die am heutigen Montag ihren 40. Geburtstag feiert. Aber auch ein großer Tag für den deutschen Film. Das letzte Mal, dass eine hiesige Produktion Europäischer Film wurde, war vor zehn Jahren „Das Leben der Anderen“. Selbst der aber kam insgesamt nur auf drei Preise. Und vielleicht die größte Sensation: Erstmals in der 29-jährigen Geschichte des Europäischen Filmpreises ging der Hauptpreis – endlich mal, möchte man fast sagen – an eine Frau. Ein wahrlich historischer Abend.

Bei ihrer dritten Dankesrede hatte Maren Ade fast Angst, dass der Preis­regen das Publikum langweilen könnte: „Schließlich sind wir ja eigentlich hier, um die Vielfalt des Kinos zu feiern.“ Am Ende schien die Regisseurin fast fassungslos, was da passiert.

Eine universelle Geschichte, die überall verstanden wird

Im Gespräch wenige Stunden zuvor hatte sie indes noch erklärt, sie habe schon einen sehr europäischen Film gemacht. Nicht nur, weil es eine Koproduktion mit Österreich und Rumänien war. Sondern auch, weil das Subthema die ökonomischen Strukturen in Europa sei. Im Grunde aber sei diese Vater-Tochter-Beziehung eine universale Geschichte, die überall verstanden werde.

Mit dem Europäischen Filmpreis endet für Maren Ade ein höchst bewegtes Jahr. Das nächste freilich könnte genauso stürmisch beginnen. Denn „Toni Erdmann“ wird als deutscher Kandidat ins Oscar-Rennen um den besten ausländischen Film geschickt. Dass er international verstanden wird, hat der europäische Oscar klar bewiesen. Ob ihr Film wirklich nominiert wird, entscheidet sich am 17. Januar. Schon jetzt aber, nach dem Fünfer-Erfolg, kommt wohl wieder all der Rummel auf Ade zu, den sie dachte, gerade hinter sich zu haben.

Dass der Filmpreis ausgerechnet in Polen verliehen wurde, just zu einer Zeit, in der sich die polnische Regierung von demokratischen Grundwerten Europas zunehmend entfernt, war nicht ohne Brisanz. Und hat den Abend geprägt. Immer schon hat sich die Europäische Filmakademie als kultureller Vorreiter der EU-Erweiterung verstanden. Und so wurde an diesem Abend immer wieder die große Idee eines vereinigten Europas, die derzeit so massiv infrage steht, demons­trativ gehuldigt.

Der Moderator des Abends, der polnische Comedian Maciej Stuhr, hat in der Vergangenheit schon mit sehr regierungskritischen Worten von sich reden gemacht. An diesem Abend beließ er es zwar bei wenigen Anspielungen. Umso stärker feierte man die Idee Europas mit einfachen, klaren Mitteln. Etwa indem man gleich zu Beginn demonstrativ die EU-Fahne auseinanderfaltete. Oder späten den „Song for the Unification of Europe“ aus Kieslowskis Filmklassiker „Drei Farben: Blau“ mit großem Studentenchor singen ließ. „Es ist nicht zu spät für Europa, es ist nicht zu spät für Polen“, sagte dazu dessen Komponist Zbigniew Preisner. Auch andere Filmschaffende, Nominierte wie Präsentatoren, beschworen immer wieder, dass Nationalismus Vergangenheit, Europa aber die Zukunft sei.

Wenn Kritik und Skepsis an der EU zurzeit auch Mode scheint, gerade in der Politik - an diesem Abend gab es ein starkes Gegensignal.