Kultur

„Ich weiß einfach nicht, wie Nichtstun geht“

Ein Treffen in Berlin:Der britische Rockmusiker Sting über Sterblichkeit, Brexit und seine neue Platte „57th & 9th“

Draußen dämmert es schon, als wir Sting im Berliner „Soho House“ treffen. Aber müde? Nicht der frühere The-Police-Sänger mit den vielen Welthits wie „Message In A Bottle“ und „Englishman in New York“. Zur Begrüßung springt er fast aus dem Sessel, ein fester Händedruck, dann geht es los. Der 65-Jährige hat mit „57th & 9th“ nach Ewigkeiten mal wieder ein Album mit melodischen Rock-Pop-Songs veröffentlicht. Er trägt ein weißes körperbetontes T-Shirt, verdammt durchtrainiert sieht er aus.

Was haben Sie heute in Berlin gemacht, spazieren gegangen?

Sting: Dafür fehlte leider die Zeit. Meine Pause war gerade so lang genug, um eine Tasse Kaffee zu trinken. Der einzige Spaziergang heute war der im Flughafen von London Heathrow. Wer schon einmal dort war, der weiß, dass die Entfernungen wirklich beträchtlich sind.

Ich habe gelesen, wie sehr Sie ihre Spaziergänge lieben, deshalb frage ich.

Wenn ich einen Tag nicht ordentlich ausgeschritten bin, dann fehlt mir etwas. Ich laufe überall gern, aber New York, die Stadt, in der ich überwiegend lebe, ist besonders fußgängerfreundlich. In New York gehe ich so gut wie überall zu Fuß hin, egal ob Büro, Studio, Kino oder Theater. Ich wohne direkt neben der Oper, der Central Park ist gegenüber.

„57th & 9th“ ist ein sehr jung und energiegeladen klingendes Album.

Vielen Dank. Mein großes Ziel mit dieser Platte war es, die Leute zu überraschen. Die meisten hätten ja vermutet, ich würde schon wieder irgendein esote­risches, kompliziertes Album machen, aber ich mag es, das Unerwartete zu tun. Und mir scheint, als wären viele Menschen ganz froh, dass ich sie in dieser Form verblüfft habe.

Wie ist das Album denn entstanden?

Ich wusste, ich will eine Platte machen, für die ich nicht ewig brauche. Die schnell geht, kompakt ist. Ich rief also meine Musiker zusammen. So legten wir los, und am Ende hatten wir zehn sehr unterschiedliche Stücke beisammen, aus denen ich kleine Kurzgeschichten bastelte. Die Themen sind vielfältig, aber die Energie der Platte ist durchgängig New York, sie ist sehr direkt. Deshalb auch der Albumtitel.

„Petrol Head“ ist ein echt feuriger und ganz schön versauter Song. Was hat ihre Fantasie angeregt?

Ich versetze mich in dem Stück in einen Lkw-Fahrer. Das bin nicht ich, dessen sexuelle Vorstellungskraft dort Kapriolen schlägt. Das ist einfach ein lustiger Song.

Ist New York ihr Hauptwohnsitz?

Ich habe dort ein Haus seit 30 Jahren, doch in den vergangenen zehn Jahren ist die Stadt zu dem Ort geworden, an dem ich mich am meisten aufhalte.

Stimmt es, dass Sie sechs Häuser und Wohnungen haben?

Ich weiß, das klingt extravagant. Aber ich nutze die alle. Ich habe ein Haus in Los Angeles, eins in Italien, eins in England, die Häuser stehen nicht leer, sie sind voller Menschen. Ich komme gern irgendwo hin, wo ich zu Hause bin. Ich liebe es, mir meine Bücher, meine Bilder anzuschauen, den Geruch wiederzuerkennen.

Ihre Kinder sind zwischen 20 und 39 Jahre alt. Sind alle so entspannt wie ihr Vater?

Mindestens. Die Kinder sind alle echt cool. Gut ausbalancierte, lässige Menschen. Ich denke, meine Frau und ich haben das ordentlich hingekriegt.

Sie sind seit vierzig Jahren ein Teil des Rock-’n’-Roll-Zirkus.

Ich habe mich immer davon ferngehalten, die Klischees auszuleben. Ich bin kein Rock-’n’-Roll-Star. Ich habe meinen eigenen Weg gefunden in dieser Welt. Und ja, es gibt Anlässe, da kann man auch mal den Rockstar rausholen und eine teure Flasche Wein bestellen.

Stellen Sie sich manchmal vor, Sie wären so berühmt wie Lady Gaga?

Nein. Ich bin absolut zufrieden mit dem Zustand, wie er ist. Ich war ja auch ziemlich alt, bevor das alles überhaupt losging. Berühmt wurde ich erst mit 26. Vorher führte ich ein Allerweltsleben. Ich hatte Kinder, Pensionsansprüche und eine Hypothek aufs Haus. Und dann bekam ich dieses irre Leben. Diese Leute, die gestern noch zur Schule gingen und heute schon internationale Superstars sind, die tun mir leid. Das ist ein gefährlicher Zustand, wenn man keine Erfahrung, keine Bodenhaftung hat.

Im neuen Song „50.000“ machen Sie sich Gedanken über die eigene Sterblichkeit. Ist der Tod eine Sache, die Sie, mit 65, nervös macht?

Nun ja, in diesem Jahr haben wir so schrecklich viele kulturelle Ikonen verloren. Menschen, die ich zum Teil gut kannte. Wir hatten die Illusion, dass sie unsterblich sind. Aber keiner von uns ist unsterblich, damit muss man sich auseinandersetzen. Der Gedanke an den Tod lässt mich philosophisch werden.

Die Kindheit hat Sie sehr geformt. Sie haben vor einigen Jahren das Musical und das Album „The Last Ship“ geschrieben, das auf ihren persönlichen Erinnerungen an die Werften und den harten Arbeiteralltag in Wallsend im Nordosten Englands basiert, wo sie groß geworden sind.

Ich bin stolz auf meine Herkunft, und zugleich war die Jugend alles andere als komfortabel. Ich wollte da immer weg. Ich wollte nicht in den Werften und Kohlminen arbeiten. Ich wollte ein größeres Leben.

Industrielle Orte wie Newcastle, in dessen Nähe Sie aufgewachsen sind, haben für den Brexit gestimmt. Tut ihnen das weh als Weltbürger?

Newcastle selbst hat für den Verbleib gestimmt, aber alle Orte um Newcastle herum wählten den Brexit. Das ist ein Fehler.

Wie haben Sie abgestimmt?

Verbleib. Meine Frau hat auch pro EU gestimmt. Alle meine Kinder ebenfalls. Ich habe aber schon das Referendum für einen Fehler gehalten. Wir haben ein sehr funktionstüchtiges parlamentarisches System, dort hätte man sich mit dieser Frage auseinandersetzen, die europäische Idee debattieren müssen. Den Menschen diese Entscheidung zu überlassen, war dumm. Jetzt haben wir einen echten Albtraum. Ich jedenfalls fühle mich absolut als Europäer.

Sie wohnen direkt gegenüber vom Trump- Hotel.

Ja, aber das gehört ihm gar nicht. Trump ist nicht so erfolgreich und nicht so reich, wie er tut (lacht). Da ist nur sein Name drauf.

Mit dem Lied „Inshallah“ nehmen Sie Stellung zur Flüchtlingssituation. Warum ist Ihnen dieses Thema wichtig?

Weil es mir große Sorgen macht. Dieser Krieg in Syrien wird nicht einfach so verschwinden. Wie kann man das beenden? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, wie man dem Flüchtlingsproblem begegnen sollte. Wir müssen dieses Pro­blem als Weltgemeinschaft angehen. Mauern zu bauen, ist ganz bestimmt nicht Teil einer möglichen Lösung.

Sie haben entschieden, dass ihre Kinder ihr Vermögen nicht erben werden. Was ist der Grund?

Meine Frau und ich stammen beide aus der Arbeiterklasse, wir sind ohne Geld aufgewachsen. Wir genossen das Privileg, unsere eigenen Leben aufzubauen. Ich will, dass auch meine Kinder dieses Privileg genießen können. Wir haben den Kindern eine sehr gute Ausbildung ermöglicht, und Schuhe, Kleidung, jetzt müssen und wollen sie selbst arbeiten.

Ist die Arbeiterklassenmentalität immer in einem drin, egal wie viele Millionen man verdient hat?

Ich zumindest bin davon überzeugt, dass harte Arbeit ethisch und ehrenvoll ist. Ich bin mir bewusst, dass ich in dem Alter bin, in dem andere damit anfangen, nichts zu tun. Für mich wäre das eine unlösbare Aufgabe. Ich weiß einfach nicht, wie Nichtstun geht.

Album: Sting, „57th & 9th“