Kultur

In der Philharmoie summt, brummt und surrt es

Christian Thielemann mit ausgefeilter Klangästhetik

Wer zuvor das Programmheft gelesen hat, könnte irritiert sein: Als „Balsam für die Ohren“ wird dort Sofia Gubaidulinas Zweites Violinkonzert angekündigt, als „Suche nach Schönheit“ – so jedenfalls muss der Eindruck gewesen sein, nachdem Widmungsträgerin Anne-Sophie Mutter das Werk 2007 in Luzern uraufgeführt hatte. Das Orchester damals: die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle.

Nun haben die Musiker die Partitur zum ersten Mal seit neun Jahren wieder auf den Notenpulten – doch sie klingt diesmal weder nach Balsam noch nach Schönheit. Der Hauptgrund dafür heißt zweifellos Gidon Kremer, der an diesem Abend den Solopart übernimmt. Ausgerechnet jener Klangextremist, der selbst die intimsten Legato-Kantilenen so geräuschhaft aufraut, dass sie mitunter nach Schmirgelpapier klingen. Unter dem Zugriff des lettischen Geigers wirkt Gubaidulinas Musik schicksalsschwanger und schmerzverzerrt. Sein Instrument summt und brummt, surrt und schwirrt. Die Philharmoniker unter Christian Thielemann verstärken das schicksalhaft Bedrohliche nach allen Regeln der Effektkunst – und erzeugen aggres­sives Kopfkino.

Dabei hatte die tatarische Komponistin Gubaidulina vermutlich viel weniger Plakatives im Sinn gehabt. Ihr Violinkonzert Nr. 2 ist wie so viele andere ihrer Werke von Mystik und Religiosität geprägt, von organischen Klängen, die altbekannt und neu zugleich wirken. Der Titel „In tempus praesens“ steht für die Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft, kurz: das Hier und Jetzt, das laut Gubaidulina nur in der Musik erfahrbar wird. Die Religiosität ist wohl das, was Gubaidulina am ehesten mit Anton Bruckner verbindet, dem zweiten Komponisten des Abends.

Bei Bruckners f-moll-Messe glänzt der Rundfunk-Chor

Verdienstvollerweise hat Christian Thielemann dessen Messe Nr. 3 in f-Moll aufs Programm gesetzt. Einen monumentalen 65-Minüter, der wie Brahms’ „Deutsches Requiem“ aus dem Jahre 1868 stammt, doch ungleich seltener aufgeführt wird. Denn Bruckners f-Moll-Messe ist ein Werk, das kaum Rücksicht auf die Ausführenden nimmt. Vollständig glänzen kann eigentlich nur der Rundfunkchor, den Thielemann gemäß Bruckners Intentionen unmissverständlich in den Vordergrund stellt. Die Bläser müssen sich zurückhalten, die Streicher haben über weite Strecken nur Akkordbrechungen und Tonleiterausschnitte zu spielen. Dazu kommt ein vierköpfiges Solistenensemble, das Bruckner mit melodischen Einfällen nicht verwöhnt. Der österreichische Spätromantiker ist vor allem ein begnadeter Harmoniker.

Dass es trotzdem nie langweilig wird, ist vor allem Thielemanns abwechslungsreicher Klangästhetik zu verdanken: Mal lässt er die Philharmoniker betont nüchtern spielen, dann wieder feurig, mal mild, dann wieder feierlich.