Kultur

Als sei der Geist von Heino in ihn gefahren

Helge Schneidergibt ein virtuosesQuatsch-Konzertim ausverkauften Tempodrom

Nach langem Schweigen gab Bob Dylan zu Protokoll, er könne nicht persönlich zur Verleihung des Nobelpreises erscheinen. Er habe andere Verpflichtungen. Aha. Aber, Moment mal: Steht er da nicht, versteckt in der hintersten Reihe von Helge Schneiders Showband im Tempodrom, und spielt Congas? Oder ist das nur Peter Thoms, Schneiders langjähriger Schlagzeuger und Partner in Crime, der ihm so ähnlich sieht? Zugegeben, ein etwas alberner Einstieg. Streng genommen aber müsste man eine Besprechung zu einem Helge-Schneider-Konzert genau so schreiben: sich lauter Quatsch ausdenken, der mit jeder Minute unsinniger wird, aber auf konsequente Weise auf dem Quatsch davor basiert. Ein unendliches, sich selbst fortschreibendes Vergnügen.

Dass nicht jede Pointe sitzt, verzeiht das Publikum

In der Welt von Helge Schneider ist nämlich alles möglich. Die Trompete, auf der er irgendwann ein leicht unsauberes Solo spielt, habe er mit sechs Jahren von Louis Armstrong bei einem Konzert geschenkt bekommen, in das er sich spontan geschmuggelt habe, erzählt er. Darauf spiele er nur bei besonderen Anlässen, sonst nehme er das billige Ding, dass ihm Miles Davis mal geschenkt habe. Solche Kalauer haut Helge Schneider nach fast dreißig Dienstjahren so flüssig raus, als habe er sie unendlich lang geprobt. Oder als sei es wirklich so passiert. Wer weiß. Hin und wieder merkt man jedoch an kleinstem Zögern, dass diese Geschichten, diese Abschweifungen aus dünner Luft gegriffen sind, wie die Angelsachsen sagen – out of thin air. Und in dieser dünnen Luft der Improvisation nicht zu ersticken, ist schon große Kunst.

Dass da zwei Stunden lang nicht jede Pointe sitzt, merkt das Publikum. Aber Helge wird verziehen. Dafür ist er, in wunderbar peinlichem Elvis-Strampler mit passend-unpassender Seemannsmütze, immer wieder über seine eigenen Einfälle lachend, einfach zu sympathisch. Und er spielt zu gut Jazz. Das hat sich längst rumgesprochen: Helge Schneider ist ein verdammt guter Pianist. Doch nicht nur das – im Tempodrom spielt er an diesem Abend auch Trompete (mittelprima), Saxofon (sehr gut), Gitarre (absichtlich schlecht, was besonders schwierig ist), Schlagzeug (mit fehlendem Becken und viel In-die-Luft-Hauen) und Vibrafon (als Zirkusnummer inklusive Schlegel-Verlieren und allem).

Außerdem singt er mal vernuschelt, wie seine Fans es lieben, plötzlich sehr genau und trocken, im nächsten Moment mit allem herzzerreißenden Tremolo, das der Schlager hergibt – als sei der Geist von Heino in ihn gefahren. Am Schluss von „100.000 Rosen“ lässt er sich einen Strauß reichen – nur um ihn auf den letzten Tönen dann doch demonstrativ nicht in die Halle zu werfen. Das ist ein Teil der Balance, über die die Kunstfigur Helge Schneider funktioniert: Er darf alles – egal wie skizzenhaft der Witz, wie ungeformt die Show – weil es austariert wird durch Könnerschaft.

Auch seine Band besteht natürlich aus Vollprofis. Wie locker alles auch erscheint, sie hängen mit den Blicken an Chef Schneider. Ein Wink mit dem Handgelenk genügt für einen Einsatz, einen Break. In der Improvisation muss man besonders hellhörig sein. Und wie jede tiefe Komik speist sich Schneiders Humor letztlich aus der Musik – man denke nur an Dick und Doof, den Harfe spielenden Harpo der Marx Brothers, an Karl Valentin oder an Monty Python oder Loriot. Humor ist vor allem eine Frage der Phrasierung, der Intonation, des Timings.

Zwei Herren sind den ganzen Abend lang ausschließlich dazu da, mit ihnen Unfug zu treiben: Bodo Oesterling, sitzt im roten Gehrock am Bühnenrand und wird von Schneider mal derb, mal freundlich zum Tee-Servieren ran- geholt. Gänsefüßchen-Tee, wie er jedes Mal betont. Eigentlich sei das Wasser. Das ist das Karnevaleske der Helge-Show, das Verschwenderische: einfach Witze machen um der Witze willen.

Schneider versorgt seine Fans mit Lebensweisheiten

Das Absurde tritt in Person von Sergej Gleithmann dazu, der mit der Halbglatze und dem Rauschebart eines Althippies immer wieder alberne Speed-Yoga-Choreografien tanzt, etwa wenn es um das Schicksal des „Meisenmanns“ geht, der in einer weiteren improvisierten Story von seiner eigenen, übergroßen Frau gefressen wird. Selbst ein wenig erschrocken über den Ausgang dieser Geschichte schiebt Helge einen Blues nach, in dem er die Zeile „I’m so sad and lonely I could die“ mit breitestem Showbiz-Grinsen konterkariert.

Außerdem versorgt Schneider seine aus zwei Generationen zusammengekommenen Fans nebenbei mit Weisheiten wie „Ich glaube fest daran / dass man sich nur lieben kann / wenn man sich nicht kennt“ oder einem so poetischen Bild wie dem, dass in China viele Städte ja zwanzig Millionen Einwohner hätten – „wie das aussieht, wenn die alle ausm Fenster rausschauen!“. Schneider bedauert nur Berlin dafür, dass man hier keinen Karneval feiert. Und fügt an, was sein künstlerisches Credo sein könnte: „Wir feiern im Ruhrpott so gern Karneval. Man muss es nur ernsthaft machen, sonst hats kein Sinn.“