Kino

Was in aller Welt ist eine Bonus-Mutter, Frau Schwarz?

Die Schauspielerin Jessica Schwarz über ihr Leben zwischen Wien und Berlin und die Kunst, Schweres und Leichtes zu verbinden.

Schauspielerin Jessica Schwarz wurde 1993 zum Bravo-Girl gewählt, arbeitete danach bei Viva als Moderatorin. Heute kennt man sie aus vielen Filmen

Schauspielerin Jessica Schwarz wurde 1993 zum Bravo-Girl gewählt, arbeitete danach bei Viva als Moderatorin. Heute kennt man sie aus vielen Filmen

Foto: Thomas Schweigert / 13 Photo

Ein Blick von der Terrasse über die Dächer Wiens – für Jessica Schwarz könnte es kaum ein paradiesischeres Ambiente für dieses Gespräch geben. Dabei passt es gar nicht zum Anlass, denn die 39-Jährige ist gerade in einem beklemmenden Sozialdrama im Kino zu sehen: „Die Hände meiner Mutter“. Aber das gehört genauso zu ihrem Leben wie die leichte Muse und der Glamour großer Preisverleihungen. Reale Dramen spielen sich bei ihr momentan nur ab, wenn es um den Ausbau ihres Hotels geht.

Berliner Illustrirte Zeitung: Sie haben ja vor ein paar Jahren mit dem Rauchen aufgehört ...

Jessica Schwarz: Und dabei ist es geblieben. Fertig. Aus. Schluss.

Sie waren auch nicht versucht, bei Ihrem neuen Film, „Die Hände meiner Mutter“ wieder damit anzufangen? Das Thema dieses Filmes ist ja besonders fordernd ...

Nein. Das Bedürfnis zum Rauchen habe ich wirklich nicht mehr. Oder höchst selten.

Sie spielen in dem Film eine Frau, deren Mann von seiner Mutter sexuell missbraucht wurde. Das weicht von den Komödien und Familienfilmen ab, in denen Sie sonst oft zu sehen sind.

Offen gestanden dachte ich mal, dass mir Dramen mehr liegen und Komödien nicht so sehr. Ich hoffe jedenfalls, dass Regisseure nicht denken, ich würde immer nur etwas Kommerzielles drehen. Das ist meine ständige Befürchtung. Aber alles hat seine Schwierigkeiten. Auch Komödien muss man übrigens ernst nehmen. Im Juli habe ich die Komödie „Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner“ gedreht, mit der ich mich auch intensiv auseinandergesetzt habe. Auch da geht es ebenfalls um bewegende Themen wie Liebe oder Schicksal. Andererseits ragt die Geschichte von „Die Hände meiner Mutter“ schon heraus. Mir waren solche schrecklichen Vorfälle bisher nicht bekannt gewesen. Ich bin selbst eine „Bonus-Mutter“ – wir sagen nicht Stiefmutter – für die Kinder meines Lebensgefährten und für mich hat Muttersein vor allem mit Schutz zu tun. Dass eine Frau in so einer Form Gefallen an ihrem eigenen Kind findet, war für mich völlig unbegreiflich. Wenn einem Mann so etwas passiert, dann ist es wahnsinnig schwierig, darüber zu reden – noch schwieriger als bei einer Frau. Und wenn das nicht aufgearbeitet wird, wird das zum Trauma.

Wie intensiv haben Sie in der Vorbereitung das Thema recherchiert?

Ich lasse mich ganz gerne intuitiv in Rollen fallen, deshalb wollte ich bei dem Projekt offener bleiben, anstatt jetzt spezifische Fälle zu recherchieren. Ich habe viel mit Regisseur Florian Eichinger gesprochen, der hier viel Material gesammelt hatte.

Wenn Sie intuitiv an solche Rollen herangehen, reibt es Sie dann nicht emotional auf?

Für meinen Filmpartner Andreas Döhler war es da viel extremer. Ich gebe allerdings zu, es war auch für mich nicht einfach. Für bestimmte Szenen habe ich wahnsinnig viel Musik gehört und Ruhe gebraucht. Aber wir hatten auch ein tolles Team, das uns alle großartig unterstützt hat. Und ich freue mich jetzt auf die Kinotour, wo wir diesen Film mit dem Publikum besprechen können. Letztlich hoffst du immer, dass du mit deiner Geschichte die Gemüter erhitzen und die Leute dazu bringen kannst, sich zu öffnen. Aus dem Grund machst du gerade solche Filme.

Nun sind Sie auch auf dem Parkett glamouröser Veranstaltungen wie jüngst der Bambi-Verleihung. Ein Widerspruch zu ernsten Filmen wie zuletzt „Die Hände meiner Mutter“?

Es ist schon manchmal merkwürdig. Manche Leute sagen ganz locker, wir gehen jetzt zum Bambi, weil das ein schöner Abend wird. Aber ich denke immer darüber nach, ob eine Veranstaltung für mich passt. Aber in dem Fall ist das eine ganz wunderbare und wichtige Preisverleihung, wo Menschen mal auf andere Weise gewürdigt werden. Und ich finde es auch toll, Leute zu fassen zu bekommen, die man sonst wirklich nur aus dem Fernsehen und aus Bereichen wie dem Sport kennt.

Der Partyhauptstadt Berlin haben Sie für Ihre Beziehung zu dem österreichischen Kameramann Markus Selikovsky den Rücken gekehrt. Wie geht es Ihnen jetzt nach sechs Jahren in Wien?

Es ist nicht immer so leicht, wenn man viele Freunde in Berlin hat und die Familie in Deutschland wohnt. Und es war auch eine Herausforderung für mich, hier anzukommen. Ich bin als Freundin nicht gerade einfach. Ich bin ständig unterwegs, dann mal zwei Monate komplett weg, dann kann man vielleicht mal telefonieren. Feste Verabredungen – zum Beispiel zum Sport oder um Serien anzuschauen – sind so gut wie unmöglich. Zum Glück sind meine Freunde auch alle Freigeister, die mich so nehmen, wie ich bin. Inzwischen fordere ich mir selbst monatlich eine Woche Berlin ein, weil ich auch an dem teilnehmen möchte, was an Film und Fernsehen in Deutschland passiert. Damit identifiziere ich mich. Und auf diese Weise schaffe ich es auch, meine Freunde vor Ort zu sehen, ohne dass das in Wahnsinnsstress ausartet. Vorher habe ich sie nur getroffen, wenn ich zufällig in Berlin gearbeitet habe. Das führte dann auch schon mal zu 20-Stunden-Tagen. Ich stand um acht Uhr auf, kam aber oft erst um vier morgens nach Hause, weil die Nacht mit meinen Leuten so schön war. Nach meiner Rückkehr in Wien brauchte ich dann meist erstmal eine Woche Urlaub.

Wie stark hat Wien Sie persönlich geprägt?

Es hat mich insofern verändert, als dass ich am Anfang mit Wien und Berlin so ein starkes Jekyll-und-Hyde-Gefühl hatte. Das hat sich inzwischen gelegt.

Wie kann man das verstehen?

Ich bin hier in Wien tagsüber wach und munter und treibe auch viel Sport. Sobald ich nach Berlin gekommen bin, ist anfangs alles gekippt und ich bin ein Nachtmensch geworden. Jetzt kann ich einfach nach Berlin fahren und abends um elf nach Hause gehen. Ich bin durch Wien entspannter geworden und will nicht mehr mein Leben mit Höchstgeschwindigkeit verbrauchen. Wobei ich natürlich Bewegung brauche. Meine Freizeit verbringe ich am liebsten mit Reisen. Aber jetzt habe ich einen besseren Weg gefunden, mir meine Zeit einzuteilen, es gemütlicher angehen zu lassen und die Dinge mehr zu genießen. Die Uhren hier ticken eben doch ein bisschen anders.

In Wien sind Sie auch zum Videostar geworden. Jüngst standen Sie für den Clip einer österreichischen Popband vor der Kamera.

Das war für den jüngsten Bruder Niko meines Freundes, der als Schauspieler und Musiker arbeitet. Und der hat eben im Familien- und Freundeskreis gefragt, wer da passen könnte. Sein Vater war für die Kamera zuständig und sein anderer Bruder war auch dabei. Ich fand es cool, weil ich eben ein Familienprojektliebhaber bin. Ich finde, dass man in der Familie gemeinsam viel regeln und schaffen kann.

Aber Ihnen war klar, dass Ihr gemeinsamer Auftritt für Aufsehen sorgen würde? Immerhin beginnt das Video mit einer heftigen Streitszene.

Dieser Effekt war sogar erwünscht. Ich finde den Song toll und wollte, dass der Clip auch gesehen wird. Deswegen haben Markus und ich überlegt, ob wir das zusammen machen. Zuerst wollte Niko mit uns eine Liebesszene drehen, aber da haben wir gesagt: „Nö, das muss wirklich nicht sein.“ Dafür haben wir in die Streitszene zu Beginn des Videos alles richtig reingelegt. Dadurch wirkt ja auch die Versöhnung am Ende viel emotionaler.

Stellen Sie bei sich beiden eigentlich Mentalitätsunterschiede fest?

Ja. Das fängt schon bei der Sprache an. Vor Kurzem haben wir festgestellt, dass es Schimpfwörter gibt, die in Deutschland harmlos sind, aber in Österreich viel verletzender wirken und umgekehrt. Wenn man sich also mal streitet, sollte man darauf achten. Und auch der Humor ist anders. In Wien ist er doch einen Tacken fieser, bösartiger.

Mögen Sie das?

Doch, ganz gerne. Außer es geht natürlich um mich!

Sie erwähnten vorher, dass Sie auch Stiefmutter, bzw. „Bonus-Mutter“ sind.

Darüber möchte ich gar nicht reden. Das ist alles super.

Mit Ihrer Schwester betreiben Sie das Hotel „Die Träumerei“ im hessischen Michelstadt. Haben Sie noch Zeit, sich darum zu kümmern?

Doch, doch. Da schaue ich gelegentlich vorbei. Das bleibt meine tiefe Heimat. Und da leben so viele Menschen, die ich gerne habe und liebe. Wir erweitern auch das Hotel. In unmittelbarer Nähe haben wir ein zweites Haus entdeckt und gekauft, das wir gerade umbauen, denn bei Hochzeits- und anderen großen Feiern können wir bisher nicht immer alle Gäste in unseren fünf Zimmern unterbringen. Leider ist es in der heutigen Zeit immer schwieriger, denkmalgeschützte Häuser so umzubauen, dass sie hoteltauglich sind. Wir wollen ja, dass unsere Gäste Licht im Zimmer haben und sie nicht in dunklen Kammern sitzen müssen. Aber da kommt der Bauschutz mit der Denkmalbehörde nicht zurecht und andersherum.

Sie klingen etwas verärgert, wenn Sie davon sprechen.

Bin ich auch. Denn wir wollten eigentlich zum diesjährigen Weihnachtsmarkt bereits eröffnen, aber jetzt mussten wir erst mal alles unterbrechen. Es ist deprimierend, wenn man Arbeitsplätze schaffen und ein altes Gemäuer erhalten will und letztlich nach allen möglichen Schreiben und Verhandlungen nichts passiert. Das war ein herber Rückschlag, der uns viel Kraft und auch Geld gekostet hat. Aber wenn wir es dann mal geschafft haben, werden wir umso glücklicher sein. Wir werden auf keinen Fall aufgeben.

Sie planen aber keine Karriere als Hotel-Tycoon wie Donald Trump?

Eher wie die Hilton Sisters. (lacht)

Wer weiß? Wenn Sie sich mit den Behörden einigen, dann haben Sie vielleicht in zehn Jahren eine richtige Kette.

Eigentlich haben wir uns vor zehn Jahren gesagt, dass wir so ein aufwendiges Projekt nie wieder machen wollen. Jetzt hat uns doch wieder die Lust gepackt, Neues zu schaffen und einzurichten. Aber irgendwann ist es wirklich gut.