Ausstellung

Der Kuss und sein bitterer Nachgeschmack

Mit seinem Liebespaar in Paris wurde der Fotograf Robert Doisneau weltberühmt. Eine Ausstellung im Gropiusbau.

Kein Schnappschuss, sondern arrangiert: „Le Baiser“, der Kuss von  Robert Doisneau, aufgenommen  in Paris, 1950

Kein Schnappschuss, sondern arrangiert: „Le Baiser“, der Kuss von Robert Doisneau, aufgenommen in Paris, 1950

Foto: Robert Doisneau / BM

Zart, beschwingt, inniglich – es ist dieser eine Kuss, „le baiser“, mit dem sich der Fotograf Robert Doisneau in die Ewigkeit eingeschrieben hat. Dabei ist das Motiv ganz einfach: ein junges Paar, wahnsinnig verliebt, auf der Rue de Rivoli vor dem prachtvollen Pariser Rathaus. Mit diesem Schwarz-Weiß-Foto begann für Doisneau eine Erfolgsgeschichte, die gar nicht in seinem Sinne war. Fortan steckte er als „romantischer“ Fotograf fest in einer Schublade, in die er gar nicht wollte. Bis heute ist das Foto ein Symbol für Paris als „Stadt der Liebe“. Als Postkarte wurde das Motiv hundertausendfach in aller Welt verkauft, in den 80er-Jahren kam noch die Posterproduktion dazu.

Doch für Doisneau (1912–1994) sollte der Kuss einen bitteren Nachgeschmack haben: Irgendwann meldet sich ein französisches Ehepaar, behauptete, sie seien das Liebespaar auf dem Foto. Ganz einfach: Sie wollten eine Gewinnbeteiligung. Um die Klage abzuweisen, erzählte Doisneau die wahre Geschichte hinter dem Foto, die er nie geleugnet hat, nur gefragt hatte ihn schließlich keiner. „Le baiser“ ist kein sentimentaler Schnappschuss, sondern entstand im Auftrag des US-Magazins „Life“ zum Thema „Liebe in Paris“ – mit gleich mehreren Liebespaar-Fotos auf einer Doppelseite. Der Pariser hatte für diesen Zweck zwei junge Schauspieler gebeten, Modell zu stehen für die Turtelei an verschiedenen Orten der Stadt. Dafür gab es einen Obolus und einen Abzug als Bewerbungsfoto.

Dieser „Beweis“ und die entsprechende „Life“-Ausgabe sind nun im Gropius-Bau zu studieren. Dort ist ab Freitag die mit 100 Aufnahmen bestückte Ausstellung „Robert Doisneau – Vom Handwerk zur Kunst“ zu sehen. Die Schau kommt direkt aus Paris, aus dem Studio Doisneau, das sich im alten Haus der Familie in Montrouge befindet. Dort pflegen die beiden Töchter des Fotografen den Nachlass dieses Œuvres, das gewaltige 350.000 Fotografien umfasst. Im Zentrum stehen Fotos der Kriegs- und Nachkriegszeit aus den 40er- und 50er-Jahren.

Am Anfang der Schau hängt ein Foto mit Blick auf Paris aus der Vogelperspektive. Die Stadt erscheint als Zeichnung feinster Linien, die sich im Schnee verbinden. Das Bild verfügt über starke grafische Strukturen, kein Wunder, Doisneau hat Lithografie und Gravur an der École Estienne in Paris studiert. 1934 bis 1939 arbeitete er als Werkfotograf bei Renault. Aber mit dem Leben auf Stempelkarte konnte er sich kaum anfreunden. Ihn zog es raus auf die Straßen von Paris, nah an die Menschen, an das, was sie bewegte. Er dockte an bei der Agentur Rapho, lieferte Fotoreportagen für große Magazine wie „Paris Match“, „Vogue“ und „Le Point“. Und so kam es, dass er den Alltag im besetzten und später befreiten Paris fotografierte.

Der Franzose war ein Flaneur, doch ihn zog weniger der Glamour der Metropole an als eben das Alltagsleben. Die Straßenecken, Bars, Kantinen, Quais, alles nicht ohne Tristesse. Dabei folgte er einer gewissen Struktur, nämlich dem Verlauf der Pariser Métro-Linie 4. Sie verbindet die Stationen Porte de Clignancourt im Norden der Stadt und Mairie de Montrouge im südlichen Vorort Montrouge, wo er lebte.

Sein Vorbild: Eugène Atget (1857–1927), der Häuserzug für Häuserzug mit der Kamera „katalogisierte“. Doisneau ging es eher um Atmosphäre, um Authentizität. Sein Gespür für Menschen verband sich mit dem Talent für äußerst stimmungsvolle Inszenierungen. Endstanden ist so etwas wie Tagebücher von feiner, dichter Melancholie: das gefallene Pferd 1942 auf der Straße, um das sich die Leute stellen, die müden Frauen, zusammengekauert im Schutzraum einer Metrostation, die skurrile Camouflage eines Kinderwagens mit Blättern, den eine Mutter durch einen Park zieht. Oder die Arbeitergärten im Graben des Forts von Ivry. Gemüse und Obst sichern das Überleben nach dem Krieg. Irgendwo im Dunkel der Nacht leuchten kleine Lämpchen wie bei den drei Clochards an der Pont Neuve, die bald so zusammenhocken wie die Drei Könige. Und da gibt es dieses Hochzeitspaar, allein auf der Straße, sie im weißen Kleid, er im Anzug, in Rückenansicht, wie sie sich einem Café nähern. Eine merkwürdige Zweisamkeit. Coco, das Original mit der Melone, ein Verlorener am Tresen, der uns direkt in die Augen schaut. Komisch, diesem Blick kann man nicht ausweichen. Jedes dieser Bilder im Halbdunkel erzählt seine eigene Story, es öffnen sich lauter kleine Welten.

Die Präsentation im Gropius-Bau gleicht einem Kammerspiel. Es sind seltsam leise Fotos, intime Moment, Szenerien voller Nähe, immer aber auch die Distanz haltend – Doisneaus Respekt trägt seine Menschenfotografie. Eine Erinnerung an ein flüchtiges Paris, das es nicht mehr gibt, für immer verloren. Diese Fotos lagen Robert Doisneau am Herzen – jenseits der großen Magazinauflagen. Doch gerade jene sicherten ihm den Lebensunterhalt für die Familie.

Übrigens wurde der „Kuss“ 2005 mit der Rekordsumme von 155.000 Euro versteigert. In nur drei Minuten war er unter dem Hammer. Der Schätzwert lag bei bis zu 20.000 Euro. Vor vier Jahren erlebte „le baiser“ eine Renaissance – als Motiv für die Olympischen Spiele, um die sich Paris beworben hatte.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7. Mi.–Mo. 10–19 Uhr. Bis 5. März 2017.

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