Kultur

Unterwegs mit Alexander von Humboldt

Neil MacGregor und Bestsellerautorin Andrea Wulf holen den Berliner Forscher aus dem Elfenbeinturm

Die Berliner mögen Neil MacGregor, er soll dem Humboldt Forum Leben einhauchen, vor allem aber lieben sie ihn, weil er das kann, was den Deutschen so schwerfällt: über Deutschland schwärmen, dabei bubenhaft lachen und Optimismus verbreiten, ganz der Gentleman. Vor dem Kronprinzenpalais Unter den Linden stehen an diesem Montag die Besucher an, drinnen fehlen Sitzplätze, Karten gibt es längst nicht mehr, dafür Drinks und jede Menge Lesefutter über deutsche und Berliner Geschichte(n).

„Being a Humboldt“, so heißt der Abend, den MacGregor zusammen mit der deutsch-britischen Journalistin und Bestsellerautorin Andrea Wulf ausrichtet – eine kurzweilige Melange aus Vortrag, Gespräch und Publikumsfragen. Wulf bezeichnet sich kokett als „Pressedame“ Humboldts. Natürlich ist das herrlich untertrieben, mit ihrem Buch „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ hat sie eine inspirierende Biografie des Wissenschaftlers vorgelegt. Ihre Recherchen führten sie auf seine Spuren rund um den Globus. Vier Bücher hat sie geschrieben, ehe sie sich an „Humbie“ (1769–1859) wagte. Der Band steht auf mehreren Bestsellerlisten, wird als Sachbuch des Herbstes, als „Abenteuerplatz des Geistes“ hoch gehandelt. Den Ritterschlag bekam die 44-Jährige dieser Tage in München mit dem Bayerischen Buchpreis. Für MacGregor kommt diese Popularisierung Humboldts zur rechten Zeit, im Humboldt Forum soll eigens eine Humboldt Akademie eingerichtet werden. Da wirkt Wulfs Biografie wie ein kleiner Kompass.

Auch im Gespräch mit MacGregor gelingt es ihr, Humboldt, Sohn einer preußischen Adelsfamilie, aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft herauszulocken, ihn zu einem modernen Forscher, unserem Zeitgenossen zu machen. So als säßen wir mit ihm in einer Kneipe um die Ecke und würden ihm zuhören, was er an Abenteuern aus Lateinamerika zu erzählen hat. Alexander, aktueller denn je, ein Vordenker, ein früher Umweltaktivist, der damals schon von der „Verwundbarkeit“ der Erde warnte. Dessen Ideen bis heute nach- und weiterwirken, etwa in der Diskussion um den Klimawandel und die Ökologie.

Rastlos war Humboldt, dass sagte er, wie gejagt von 10.000 Säuen. Heute würde man ihn vermutlich auf ADS prüfen. Er redete, führt Wulf anschaulich aus, für vier, bissig war er und eitel. Es soll Partys gegeben haben, da wollte keiner die Feier vor ihm verlassen, weil er schamlos lästern konnte. Goethe allerdings kam gut mit ihm klar, war fasziniert von dessen Fähigkeit Wissenschaft und Künste zusammenzudenken, vernetzen würde man es heute nennen. Und so kamen die beiden oft zusammen, um sich auszutauschen.

Am Ende will ein Besucher wissen, ob Neil MacGregor im Humboldt Forum Humboldt nicht mal mit Lady Gaga zusammenbringen wolle, damit auch 20-Jährige etwas davon hätten. MacGregor lacht und verspricht auch in diesem Falle die „Demokratisierung des Wissens“ voranzutreiben.