Kultur

Erfühle die Katastrophe

Zuletzt schickte Werner Herzog Nicole Kidman in die Wüste. Diesmal ist Veronica Ferres dran: „Salt and Fire“

Und irgendwann ist man dort, mitten in der Salzwüste. Riesige, krustige, weite, weiße Flächen. Bis zum Horizont und weiter. Flächen, über die die Kamera erst elegisch gleitet und fliegt. Imposante, fast majestätische Aufnahmen einer unglaublichen Landschaft. Und darin eine Handvoll Menschen, verloren, verlassen. Wie klein das Individuum doch ist angesichts eines solchen Panoramas. Keine Frage, die Salzwüste ist das Salz in der Suppe in Werner Herzogs „Salt and Fire“.

Der Regisseur war schon immer ein Mann der Extreme. Ob er im undurchdringlichen Dschungel vom Amazonas gedreht hat oder in der Glut der Sahara, ob auf hohen Bergen oder in der Antarktis. Der 74-Jährige scheint Grenzerfahrungen nicht nur zu suchen, sondern geradezu zu brauchen. Die Herausforderung als Stimulanz. Wobei er nicht nur sich selbst das Höchste abverlangt, sondern immer auch seinem Team.

In seinem jüngsten Werk „Salt and Fire“ geht es nun auf den in 4200 Meter Höhe gelegenen Salar de Uyuni im Süden Boliviens, die mit über 10.000 Quadratkilometern größte Salzwüste der Erde. Das halbe Team, verriet Veronica Ferres kürzlich in einem Interview, hatte in der dünnen Luft Nasenbluten, Ohnmacht und Erbrechen. Der Einzige, der unermüdlich vorangeschritten sei – war Werner Herzog. Immer wieder geht es in dessen Filmen um den Gegensatz des kleinen Menschen gegen die Urgewalten der Natur, wobei das immer ausgesprochene Männerfilme waren, in denen Frauen keine große Rolle spielten. Das scheint sich nun in hohem Alter zu ändern. In seinem letzten Film „Queen of the Desert“ über die Forschungsreisende Gertrude Bell schickte er Nicole Kidman in die Wüste. Nun tut er ein Ähnliches mit Veronica Ferres.

Die Kritik an Umweltsünden greift nicht recht

Auf seine alten Tage scheint der Meister sich also noch zum großen Frauenversteher und -regisseur zu wandeln. Mit einem bedeutenden Unterschied allerdings: Diesmal geht es nicht um die Urgewalten der Natur, sondern um die Gewalten von Umweltschäden, die der Mensch der Natur angetan hat. Und der er nun ausgesetzt wird.

Bis es so weit kommt, bis Frau Ferres und der Film endlich in der Wüste stehen, ist es allerdings ein weiter Weg. Und ein beschwerlicher. Herzog selbst hat gestanden, dass sein jüngster Film eigentlich gar kein Film sei, sondern ein „Tagtraum, der den Regeln des Kinos nicht folgt“. Das macht das Betrachten zuweilen etwas anstrengend.

Die Wissenschaftlerin Laura Sommerfeld (Ferres) reist mit einer kleinen Delegation nach Bolivien, wo sie im Auftrag der Vereinten Nationen eine gigantische Umweltkatas­trophe analysieren soll. Noch am Flughafen wird sie jedoch mit ihren Kollegen entführt, von einem dubiosen Maskierten (Michael Shannon), der sich bald als Vorstand jenes weltweit operierenden Konsortiums erweist, das für das ökologische Desaster verantwortlich zeichnet. Sein Motiv ist aber mitnichten, wie sich bald herausstellt, ihre Untersuchungen zu torpedieren. Im Gegenteil will er die Öffentlichkeit, die nur allzu gern wegschaut, durch die Entführung erst auf das Ökodesaster aufmerksam machen. Und die Forscherin zwingen, die Dinge nicht nur kühl zu analysieren, sondern zu „erfühlen“.

Das ist offensichtlich ohne großes Drehbuch gedreht, mit viel Improvisation, die nicht immer gelingt. Erst scheint das ganze Drama in einer kleinen Hazienda zu spielen, als klaustrophobisches Kammerspiel. Wobei Ferres’ Forscherin quälend lange und quälend oft wiederholt, sie wolle freigelassen werden. Bis der Fremde sie schließlich „befreit“ und durch jene wüste Weite fährt, mit der auch die Leinwand zu wachsen scheint. Und sie da plötzlich alleine lässt, inmitten einer Kakteenoase, mit zwei fast blinden Kindern, Opfer der Ökokatastrophe.

Es ist eine fiktive Umweltkatas­trophe, von der der Film erzählt. Und doch kann man das ohne Weiteres auf die Ausweitung der Wüste in der Sahelzone beziehen oder auf die Austrocknung des Aralsees. Auf Letzterem basiert auch die Buchvorlage, Tom Bissels „Aral“. Ursprünglich wollte Herzog auch dort, in Kasachstan drehen. Weil sich das als logistisch überaus kompliziert herausstellte, wich er auf die Alternative im noch ferneren Brasilien aus. Im Nachhinein erscheint der Notbehelf die bessere Lösung.

Die Bilder von der Salzwüste kriegt man nicht mehr aus dem Kopf. Sie entschädigen für viele Schwächen. Für den kruden Genremix. Die papiernen Dialoge. Das Spiel ins Leere der Akteure. Aber in gewisser Weise sind sie selbst die Krux. Herzog ist ein Filmemacher, der viel zu sehr in Bildern denkt. Und darüber gern seine Story vergisst oder diese treiben lässt. Viel zu sehr delektiert er sich hier an den bizarr schönen Landschaften, als dass seine Kritik an Umweltsünden richtig greifen könnte.