Kultur

Gardiner erkundet unbekannte Bach-Pfade

Der Altmeister mit den Baroque Soloists in der Philharmonie

Bei diesem Auftritt des englischen Dirigenten geht es ausschließlich um John Eliot Gardiners Lieblingskomponisten Bach. Mitgebracht hat der 73-jährige Maestro zwei seiner eigens gegründeten Alte-Musik-Ensembles: den Monteverdi Choir und die English Baroque Soloists, jene Ensembles, mit denen Gardiner im Bach-Jahr 2000 auf einer Mammut-Europa-Tournee sämtliche Kirchenkantaten aufgeführt hatte. In vergleichsweise kleinem Rahmen bewegt sich sein aktuelles Bach-Projekt mit weih-nachtlichem Repertoire. Neben der Originalversion des Magnificat BWV 243a und der Weihnachtskantate „Süßer Trost, mein Jesus kömmt“ BWV 151 steht auch die ziemlich unbekannte Lutherische Messe in F-Dur BWV 233 auf dem Programm.

Gardiner geht es darum, unbekannte Bach-Pfade zu erkunden – zum eigenen Erkenntnisgewinn und dem seines Publikums. Auch wenn dieser Erkenntnisgewinn im Falle der Lutherischen F-Dur-Messe BWV 233 recht überschaubar ist. Denn dieses Werk, mit dem Gardiner an das nahende 500-Jahre-Jubiläum der Reformation erinnert, mutet nicht gerade wie ein großer Wurf an. Es ist eine eher konventionelle, handwerklich solide Arbeit des Eisenacher Komponisten, durchzogen von formelhaften Sequenzen und routinierter Melodik. Dazu kommt, dass der Monteverdi Choir und die English Baroque Soloists einige Zeit brauchen, um sich auf die Akustik der Philharmonie einzustellen. Erst ab Bachs Kantate „Süßer Trost“ entwickeln sich Gardiners flotte Tempi auf so frische, natürliche Weise, wie man es sonst von ihm gewohnt ist.

Der Engländer, einer der Gründungsväter der Alten-Musik-Bewegung, lässt einmal mehr auf authentischen Instrumenten spielen. Dazu gehören Streicher mit Darmsaiten ebenso wie Naturhörner, Naturtrompeten und eine barocke Traversflöte aus Holz.

Als die „innigste und betörendste aller Kantaten“ hatte Gardiner die Weihnachtskantate BWV 151 einmal bezeichnet. Und genauso lässt er dieses Werk auch spielen: mit warmen, milden Violinen und intim trauernder Oboe d’amore. Die Musik wogt süß und sanft unter Gardiners gerundeten Dirigierbewegungen. Keine Spur von jener aufdringlichen, kratzigen Klangrhetorik, für die einige Alte-Musik-Formationen berüchtigt sind.