Kulturpolitik

Tim Renner will in den Bundestag statt in "die Komfortzone"

Tim Renner über seine Bewerbung, die Berliner „Trotzdem“-Haltung und Entscheidungen, die er vielleicht bereuen könnte. Ein Treffen.

Kulturstaatssekretär Tim Renner in seinem Büro in der Brunnenstraße

Kulturstaatssekretär Tim Renner in seinem Büro in der Brunnenstraße

Foto: Amin Akhtar

Zeit für eine Bilanz und Ausschau: Eine Woche noch ist Tim Renner (SPD) Kulturstaatssekretär. Dann übergibt er an den neuen Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke). Doch erst einmal überrascht er mit einer Nachricht: Er möchte in den Bundestag wechseln. Ein Treffen in seinem Büro an der Brunnenstraße.

Berliner Morgenpost: Herr Renner, wenn Sie nächste Woche Ihr Büro an den neuen Kultursenator Klaus Lederer von den Linken übergeben, wird das dann so eine schwierige Übergabe wie von Frank Castorf zu Chris Dercon an der Volksbühne?

Tim Renner: Wenn mich Klaus Lederer fragen würde, dürfte er garantiert jetzt schon ein Büro im Haus haben. Er müsste sich nicht im Haus gegenüber einmieten, müsste sicher auch nicht meinen Anwalt fragen, bevor er das Haus betritt. Unser Verhältnis empfinde ich als gut. Meine Handynummer kennt er schon und kann mich immer erreichen, wenn er Fragen hat.

Und Sie wollen jetzt in die Bundespolitik wechseln?

Am Mittwoch habe ich Christian Gaebler, dem SPD-Kreisvorsitzenden von Charlottenburg-Wilmersdorf geschrieben, dass ich kandidieren werde. Ich kann jetzt nicht einfach sofort zurück in die Komfortzone, ein Buch schreiben oder in die Wirtschaft gehen. Die Situation ist eine andere als vor zweieinhalb Jahren, als ich in die Politik kam: Es ist die Stunde der Populisten. Sie nutzen die berechtigten Ängste um Jobs im Zuge von Digitalisierung und Globalisierung. Da kommt auf die Kultur eine neue, tragende Rolle zu. Es ist dringend notwendig, Kultur breiter zu denken. Kultur muss stärker raus aus der Mitte an die Ränder der Stadt gehen, da wo die Mehrheit wohnt und lebt. Vor allem bei kultureller Bildung, die für die Gesellschaft von hoher Relevanz ist, gibt es einen enormen Nachholbedarf.

Wann ist die Entscheidung gereift?

Siegmund Ehrmann, der Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien im Bundestag, meldete sich bei mir. Er trete nicht wieder an und ich könne jetzt nicht hinwerfen, man bräuchte Menschen wie mich im Bundestag. Ich habe mit einigen Menschen aus dem politischen und meinem privaten Umfeld gesprochen. Tatsächlich bestürmten mich viele, argumentierten, nur weil jetzt andere Mehrheiten entstanden sind, solle ich mich nicht aus dem Prozess herausziehen. Das hat mir trotz familiärer Proteste eingeleuchtet. (lacht) Schlimmstenfalls stellt man in Charlottenburg-Wilmersdorf jemand anderen auf, dann habe ich mich wenigstens zur Verfügung gestellt und mich nicht abgeduckt. Bestenfalls gewinne ich aber das Mandat und kann dazu beitragen, dass sich etwas ändert.

Warum dieser Bezirk?

Weil für mich wichtig ist, dort anzutreten, wo ich zu Hause bin. Ich halte wenig von Helikopter-Politikern, die irgendwo einfliegen, aber nichts mit dem Menschen vor Ort zu tun haben. Mir wurde signalisiert, in Marzahn bräuchte man Kandidaten, da würde ich sofort nominiert. Das halte ich für unehrlich, ich habe keine Marzahn-Hellersdorf-Biografie, kenne außer der geschätzten Kultur-Bezirksstadträtin kaum jemanden. Das wäre falsch.

Haben Sie mit Klaus Wowereit, der Sie ja ins Amt geholt hatte, über Ihre Pläne gesprochen?

Na klar, man braucht ja einen Coach.

Sie sind noch nicht weg, da hat Klaus Lederer die von Ihnen eingefädelte Personal Chris Dercon wieder in Frage gestellt. Haben Sie sich darüber geärgert?

Es hat weder Klaus Lederer noch mir den Übergang leichter gemacht. Ich glaube, da missinterpretiert man ihn auch. Ich verstehe, dass man als neuer politisch Verantwortlicher sich Sachverhalte anzuschauen will. Ich habe das, als ich hier angefangen habe, auch getan. Wichtig ist, mit den Betroffenen zu sprechen. Dercon und Lederer haben sich noch nie gesehen. Erst dann kann man sich eine Meinung bilden und unter Kenntnis der rechtlichen Voraussetzungen Lösungen abwägen.

Was waren die letzten Dinge, die Sie jetzt noch in trockene Tücher gebracht haben?

Maßgeblich ging es die letzten Tage darum, die Zukunft der Ku'damm-Bühnen in die richtigen Wege zu leiten. Wir haben viel im Hintergrund gearbeitet, damit die verhakten Parteien wie die des Investors Cells und der Familie Woelffer miteinander reden und gemeinsam mit dem Bezirk einen Plan entwickeln, der auch umsetzbar ist, gerade in der drohenden Räumungssituation. Und sobald gebaut wird, egal ob ein neues, oder um das alte Theater herum, müssen wir ab 2018 für zwei Jahre eine Zwischennutzung haben, für die sich sowohl Stadt, Bezirk aber auch der Investor verantwortlich fühlen.

Und an welche Ausweichspielstätte denken Sie?

Die optimale Spielstätte heißt für mich Schillertheater. Eine Theaternutzung wäre keine neue Nutzung, wir bräuchten nur eine Verkleinerung des Bühnenumfangs, damit die Kulissen der Komödie reinpassen. Das sind Maßnahmen, die gehen schnell in der Übergangsphase, bevor das Haus in eine multifunktionale Kreativnutzung geht – im Kern habe wir schon mal Tanz geprüft.

Wann würde das Tanz- und Balletthaus kommen?

Wenn wir das Haus 2018 bis 2020 für die Ku'damm-Bühnen einplanen würden, dann hätten wir ab 2020 eine neue Nutzung. Ob das so kommt, muss aber der neue Senator entscheiden.

Haben Sie das Modell schon mit der neuen Co-Intendantin des Staatsballetts, Sasha Waltz, besprochen?

Johannes Öhman und Sasha Waltz kennen es nicht im Detail, aber sie wissen, dass wir die Nutzung im Schillertheater schon mal durchgeplant haben.

Ihr Lieblingskind war die freie Szene, die sehr viel mehr Geld bekommen hat. Was war der größte Erfolg?

Ich durfte kürzlich den IBB-Fotopreis verleihen und da waren jede Menge Künstler dabei. Es war bewegend, wie viele Künstler auf mich zukamen und sich bedankt haben, dass wir mittlerweile Ausstellungshonorare in Berlin haben. Das werden wir im Koalitionsvertrag ausweiten. Wir haben auch die knappe Ateliersituation erkannt. Als meinen Erfolg empfinde ich auch, dass wieder über Kultur gestritten wird.

Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?

Den perfekten, kulturpolitischen Spagat! Die Kultur braucht Ressourcen. Haushältern muss man mit Zahlen kommen und ihnen nachvollziehbar belegen, wo sie Mittel freigeben und erheblich steigen lassen. Bei uns waren es fast 11 Prozent – die größte Etaterhöhung, die es überhaupt gegeben hat in Berlin. Und jetzt wird es schizoid: Künstler muss man genau vor dieser Diskussion schützen. Das sind Parallelwelten. Künstler wie Eliasson, Dirigenten wie Barenboim, Bands wie Rammstein, Schauspieler wie Eidinger sind doch nicht angetreten, um reich zu werden. Das Reichwerden ist nebenbei passiert.

Wir haben gerade in Berlin vermehrt verarmende Künstler.

Berlin war – aus historischen und politischen Gründen – zur Jahrtausendwende eine kaputte Stadt, die an sich keine Leistungskraft mehr hatte. Doch Kunst und Kultur haben dieser Stadt ihre Würde zurückgegeben, den Berlin-Stolz, diese Trotzdem-Haltung "Wir sind anders". Diese Haltung kam aus der Kultur, die dann langsam von der Gesellschaft absorbiert wurde. Was sich in der Stadt getan hat, wie etwa Firmengründungen, hat maßgeblich mit einem Kulturversprechen zu tun. Berlin hat den Künstlern und Kreativen gegenüber eine Verantwortung. Und wenn ich hier nicht sitzen kann, dann flankiere ich im Bund.

Als Kulturpolitiker haben Sie viele Demütigungen einstecken müssen bei Personalentscheidungen, zum Beispiel durch Claus Peymann. Was, glauben Sie, wird er diesmal sagen?

Das Gute und Gefährliche an Claus Peymann ist, dass immer etwas an Beleidigungen, Ehrabschneidungen oder dergleichen mehr kommt, als man rechnet. Ich denke, ihn wird die Kraft dazu nicht verlassen.

Na, aber Sie haben sich doch geärgert damals, das war ein irrer Theaterdonner. Er nannte Sie "Lebenszwerg", der "unfähig" sei. Sie seien die "größte Fehlbesetzung des Jahrzehnts" gewesen.

Natürlich geht so etwas nicht spurlos an einem vorbei. Das Genialische am Peymann-Angriff war, dass man die Ecke nicht ahnte, aus der er kam. Peymann und Castorf verbindet schließlich eine lang gepflegte, gegenseitige Abneigung. Das Kompliment würde ich deshalb nicht Peymann geben, sondern demjenigen, der Regie geführt hat. Da waren gute Dramaturgen am Werk.

Haben Sie vielleicht falsch eingeschätzt, dass es im Fall der Volksbühne um verschiedene Milieus und einen Ost-West-Streit ging?

Unterschätzt haben wir das postfaktische Zeitalter: Neo-Liberal, Eventkultur, Abschaffung des Sprechtheaters – man unterstellte dem neuen Intendanten, was immer man wollte, und diese Behauptungen wurden kaum mehr hinterfragt. Überraschend war aber auch zu sehen, dass es doch noch ideologische Grenzen gibt, die sich historisch definieren. Für mich, der 2002 wieder in die Stadt kam, war diese Geschichte schon geschrieben. Auch Dank der Volksbühne. Mittlerweile sind 58 Prozent der Berliner nach 1989 in die Stadt gekommen – Berlin ist eine andere Stadt. Aber man kann auch anders argumentieren: Dass der Anspruch derjenigen, die vorher hier waren, umso stärker wurde, sich nun mit allen Mitteln als Minderheit zu behaupten.

Im alten Westen gab es das Gefühl des Verlustes auch.

Osten und Westen unterscheiden sich da wenig. Nur: Wenn man sich mit Intendanten anlegt, legt man sich mit Menschen an, die verdammt gut inszenieren können. Deshalb sind sie häufig Intendanten. Wenn man sich mit Musikern anlegt, dann mit jemand, der gut dirigieren kann oder Geige spielt. Das erzeugt weniger Nachhall.

Gab es eine Entscheidung, die Sie bereut haben?

Bislang habe ich keine Entscheidung bereut. Das kann aber natürlich noch kommen. Bei den Intendanzen von Reese, Dercon, Schulz oder Öhman/Waltz wird sich das erst im praktischen Tun beweisen. Man muss sich die ersten Spielzeiten anschauen und erleben, wie es wirkt. Ich kann nicht ausschließen, dass ich mit hochgeschlagenem Mantelkragen aus so manchen Haus herausschleiche und hoffe, dass mich keiner als Verantwortlichen erkennt.

Einer von fünf Kandidaten

Kandidatur: Zu seinem 52. Geburtstag beschenkte sich Tim Renner selbst. Kurz vor Bewerbungsschluss gab der scheidende Kulturstaatssekretär seine Kandidatur für ein Bundestagsmandat in Charlottenburg-Wilmersdorf bekannt. Ein Selbstläufer ist die Kandidatur allerdings nicht. Renner hat insgesamt vier Gegenkandidaten, die zum Teil seit vielen Jahren im Bezirk tätig und bekannt sind.

Mitgliederentscheid: Wie vor vier Jahren werden voraussichtlich die SPD-Mitglieder in Charlottenburg-Wilmersdorf über ihren Direktkandidaten entscheiden. Neben Renner bewerben sich der langjährige Spandauer Abgeordnete Daniel Buchholz, die Charlottenburger Sozial- und Integrationspolitikerin Ülker Radziwill, Ex-Baustadtrat Marc Schulte und der ehemalige Berliner Juso-Chef und Bezirksverordnete Fabian Schmitz-Grethlein um das Mandat.

Favoriten: Das Rennen ist vollkommen offen. Vor vier Jahren hatte sich Ülker Radziwill im Bezirk in einem Mitgliederentscheid gegen drei weitere Kandidaten durchgesetzt, das Direktmandat gewann aber Klaus-Dieter Gröhler für die CDU. Sie ist eine ernste Kontrahentin für Tim Renner, wie auch Daniel Buchholz, der seit vielen Jahren im Bezirk wohnt und einer der prominenteren SPD-Abgeordneten ist. Marc Schulte und Fabian Schmitz-Grethlein haben ebenfalls viele Unterstützer unter den Charlottenburg-Wilmersdorfer Genossen.

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