Musik

Wie ein Schauspieler zum deutschen Rockstar wurde

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Peter E. Müller

Herbert Grönemeyer veröffentlicht mit „Alles“ sein Gesamtwerk in einer opulenten Box

Ein Mammutwerk. Ein Musikerleben in einer Box. Eine Autobiografie in Liedern. Schlicht und unbescheiden „Alles“ hat Herbert Grönemeyer seine gerade erschienene Werkschau mit 23 CDs in einer opulent gestalteten Kiste genannt. Darin finden sich nahezu sämtliche Studioalben, ausgewählte Live-Alben, zwei Film-Soundtracks, eine CD mit raren Tracks, eine Remix-CD sowie sein englischsprachiges Album „I Walk“. 60 Jahre alt ist Grönemeyer in diesem Jahr geworden, und so ist „Alles“ eine Art Zwischenbilanz und ein spätes Geburts­- tagsgeschenk zugleich.

Wann soll man das bloß alles hören? An langen Winterabenden? Auf langen Autofahrten? Man kann diesen klingenden Brocken mit weit mehr als 20 Stunden Musik auch als unkonventionellen Adventskalender verstehen. Eine CD pro Tag, und weil es nur 23 sind, empfiehlt es sich, noch die eine Platte zu besorgen, die es nicht in diese Sammlung geschafft hat. Das Debütalbum „Grönemeyer“ nämlich, 1979 entstanden und damals gnadenlos durchgefallen.

Dennoch ist es höchst interessant und spannend, sich Grönemeyers allererster Solo-Gehversuche zu erinnern. Die Platte erhielt damals die „Goldene Zitrone“ für das hässlichste Cover des Jahres und war ein überproduziertes Sammelsurium unterschiedlichster Stile. Grönemeyer schrieb lediglich den Text zu „Guten Morgen“ und komponierte „Ich bin ein Spieler“ selbst. Der Rest kam von Gastautoren wie Horst-Herbert Krause oder damals populären Komponisten wie dem Jazzorganisten Ingfried Hoffmann. Sich heute Stücke wie „Pompeij“ mit seinen Chören und Bläsersätzen oder eine Chansonballade wie „Mein Konzert“ anzuhören, macht aber durchaus Spaß.

Vier Platten lang probierte sich der Schauspieler als Sänger aus

Aber es hat nicht sollen sein. Und so ist „Alles“ eben doch nur „nahezu alles“ und beginnt chronologisch mit dem zweiten, 1980 erschienenen Album „Zwo“, das freilich ebenso erfolglos blieb wie die beiden nächsten Veröffentlichungen „Total egal“ (1982) und „Gemischte Gefühle“ (1983), obwohl die bereits Stücke wie „Currywurst“ oder „Musik, nur wenn sie laut ist“ bargen. Ganze vier Alben lang hat sich Grönemeyer parallel zu seiner Tätigkeit als Theatermusiker und Bühnen- wie Filmschauspieler („Das Boot“) ausprobiert.

Bei den ersten Tourneen mussten noch Konzerte abgesagt werden, weil nur eine Eintrittskarte verkauft worden war. Das Berlin-Konzert 1982 im legendären Musikladen Quartier Latin fand aber statt. Das Album „Total egal“ war gerade erschienen, das Album „4630 Bochum“ noch Zukunftsmusik. Nur 16 zahlende Zuschauer hatten sich in dem riesigen Raum verloren. Doch wer dabei war, vorn in der ersten Reihe, der wusste, dass für diesen schlaksigen Typen im Trenchcoat und mit der langen blonden Haarsträhne im Gesicht die normalen Rockclubs bald zu klein sein würden.

Mit dem Album „4630 Bochum“ kam der Durchbruch

War auch so. Als ihm seine Plattenfirma nach den ersten vier Platten empfahl, mit dem Singen besser aufzuhören, und ihm den Vertrag kündigte, erschien 1984 Album Nummer fünf auf einem neuen Label. Und „4630 Bochum“ wurde Grönemeyers Durchbruch. Das Album mit Klassikern wie „Männer“, „Alkohol“ oder „Flugzeuge im Bauch“ hielt sich 79 Wochen in den Top 100 der Hitparade. Es war das erfolgreichste Album des Jahres in Deutschland. Da reichten dann auch die kleinen Clubs nicht mehr. Statt Kant-Kino oder Quartier Latin musste es für das Berlin-Konzert im April 1985 dann schon die Deutschlandhalle sein.

In der zweiten Hälfte der 80er-Jahre begann der Höhenflug mit Alben wie „Sprünge“ und „Ö“, der ihn im Juni 1989 erstmals in die Waldbühne brachte. Acht Jahre später, mit dem Album „12“ schaffte er es, das Olympiastadion auszuverkaufen. Und Grönemeyer ist ein Typ, dem es gelingt, seinem Publikum immer ganz nah zu sein. Einer, dessen Lieder live auf der Bühne noch einmal eine völlig neue Qualität bekommen. Wie der Typ es schafft, Musik und Wort im Konzert zu einer fließenden Einheit werden zu lassen, ist phänomenal.

Neben 13 der regulären 14 Studioalben finden sich auch zwei Soundtracks für die Anton-Corbijn-Filme „The American“ mit George Clooney und „A Most Wanted Man“ mit Philip Seymour Hoffman in dem Schuber. Und, höchst interessant, eine CD mit Remixen und eine mit Raritäten. Auf letzterer ist etwa „Mes emmerdes“, ein Duett mit Charles Aznavour, zu hören. Oder „Staubkorn“ mit Gang of Four. Oder die Grönemeyer-Version von Trios „Da da da“. Ach, und dann geht es doch noch einmal ganz tief in die Vergangenheit mit „Sunny Feelings“ von 1979, als Grönemeyer Sänger der Jazzrock-Formation Ocean Orches­tra war. Und auf Englisch sang. In der Box enthalten ist auch das aktuelle Live-Doppelalbum „Live in Bochum“, das auch separat erhältlich ist.

Im beiliegenden, 68 Seiten starken Begleitbuch zu „Alles“ schreibt Michael Lentz: „Hier hat jemand etwas zu sagen, nicht nur zu singen. Über Jahrzehnte hinweg hat Herbert Grönemeyer die deutsche Mentalitätsgeschichte mit seinen Liedern in prägnante Bilder und Situationen gefasst und die Selbstwahrnehmung vieler seiner Fans mitgeprägt. Seine Texte machen dies nacherfahrbar. Sie haben kein Verfallsdatum.“

Die luxuriös ausgestattete Box wurde von Walter Schönauer, dem Art-Direktor der Zeitschriften „Tempo“, „Vanity Fair“ und „Rolling Stone“ gestaltet. Und für die wahren Hardcore-Fans gibt es Grönemeyers „Alles“ zudem in einer auf 2000 Exemplare limitierten und nummerierten Vinylausgabe, die auf 25 Schallplatten alle remasterten Studioalben enthält.

Herbert Grönemeyer: „Alles“ (Vertigo/Universal), 23 CDs, inkl. 68-Seiten-Buch, ca. 125 Euro.Herbert Grönemeyer: „Live in Bochum“, 2 CDs, ca. 18 Euro.