Kultur

Bürschchen liebt Anarcho-Oma

| Lesedauer: 2 Minuten
Katrin Pauly

Anita Kupsch und Johannes Hallervorden spielen „Harold und Maude“

Sie ist fast 80, lebt in einem Wohnwagen und liebt Champagner („schadet nicht, is’ organisch“). Jüngeren Geschlechtsgenossinnen, also fast allen, empfiehlt sie: „Jeden Tag einen Kopfstand, das ist gut fürs Gedächtnis. Und für den Busen.“ Sie mopst Robben aus dem Zoo und Autos von der Straße. Diese Frau ist der Wahnsinn. Und Anita Kupsch in dieser Rolle eine Wucht.

Am Sonnabend feierte sie als Maude in Dieter Hallervordens Schlosspark Theater Berlin-Premiere mit der Bühnenfassung des Kultfilms „Harold und Maude“. An ihrer Seite: Johannes Hallervorden, Sohn des Hausherrn, in seiner ersten großen Bühnenrolle. Der ist gerade 18 geworden und damit genauso alt wie der Harold, den er spielt.

Harold ist ein makabres Bürschchen mit rabenschwarzem Gemüt. Bereits 38 Mal hat er, nach eigenen groben Berechnungen, seinen Selbstmord inszeniert. Natürlich nur zum Schein, es geht ihm um die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen, vor allem der seiner Mutter. Die allerdings nimmt es inzwischen kaum noch zur Kenntnis, wenn er mal wieder mit einem Strick um den Hals von der Decke des Zimmers baumelt. Als ihn der von Mutti bestellte Psychologe fragt: „Was tun Sie, wenn Sie sich einfach mal amüsieren wollen?“, da antwortet Harold: „Dann gehe ich zu Beerdigungen.“

Auf dem Friedhof trifft er auch auf Maude. Man kommt ins Plaudern und versteht sich prächtig. Von ihr, der fast 80-Jährigen, lernt er, das Leben zu lieben. Und verliebt sich in sie. Das ist wunderbarer Stoff, schwarzhumorig und morbid, aber doch auch lebensprall, wenn man ihn denn richtig zu nehmen weiß. Anita Kupsch weiß das, ihre Maude ist eine Anarcho-Oma mit Pippi-Langstrumpf-Charme. In Latzhose und mit unverwüstlichem Optimismus macht sie sich die Welt, wie sie ihr gefällt. Dass das wiederum den anderen nicht immer gefällt, ist ihr schnuppe. Kupsch, selbst 76 Jahre alt, findet mit leichtem Berliner Zungenschlag den perfekten Tonfall für diese schrullige Alte.

Der junge Hallervorden und die deutlich kleinere, aber bühnengroße Kupsch, sie harmonieren gut, wobei der Unterschied an Bühnenerfahrungsjahren nicht zu übersehen ist. Seine Figur entwickelt, obwohl auch er schön zurückgenommen spielt, nicht ganz die Tiefe, die sie haben könnte. Die Szenen, in denen die beiden ganz für sich allein zu sehen sind, sind trotzdem die schönsten des Abends.

Schlosspark Theater, Schloßstr. 48.
Vorstellungen: 29.11. und 6. bis 8.12., 20 Uhr. Kartentelefon: 789 56 67 100