Kultur

Der Superheld kann auch den Softie geben

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Matthias Nöther

Popgeiger David Garrett zeigt beim Auftritt in der Mercedes-Benz Arena seine Vielseitigkeit

Vor Spannung förmlich zu bersten scheint das Publikum am rückwärtigen Ende des Parketts, kurz vor dem schwarzen Vorhang. Zahlreiche Smartphones, bereit zum Schnappschuss, sind gezückt. Hier soll David Garrett den Weg zu seiner aufwendig gestalteten Bühne abschreiten. Das tut er tatsächlich – schlank, im gut sitzenden schwarzen Party-Sakko über dem T-Shirt und hängenden Jeans. Die Beleuchtung bleibt allerdings zu dunkel, um als Fotolicht zu taugen. Richtig zu sehen ist der Popgeiger erst, als er in einem inneren Zirkel der Bühne auf einem erhobenen, sich drehenden Podest erscheint. Und das eher schüchtern. Show geht eigentlich anders.

Natürlich hat Garretts neues Programm „Explosive Live!“, das hier in der bestens gefüllten Arena an der Warschauer Straße seinen Anfang nimmt, kaum jenes Asketische, das am besten mit geschlossenen Augen zu hören wäre. Die Band auf der kleinen erhobenen Drehbühne ist in einem äußeren Ring von einem ausgewachsenen Sinfonieorchester umgeben. Feuerwerk und Feuerfontänen rahmen das Spektakel ein, immer wieder.

Aber ist das Bescheidene von Garretts persönlichem Auftritt und das äußere Erscheinungsbild seiner Band, die mit ihrem Outfit auch eher auf eine Küchenparty als in Deutschlands größte Konzertarena passt, lediglich ein kokett gesetzter Kontrapunkt zur gigantomanischen Show?

Es könnte auch anders sein. Garrett macht keineswegs wie Schlagerstars, die hier sonst auftreten, mit Bombast und Bühnennebel Gefühle hörbar auf mehr oder weniger musikalische Art – er macht vielmehr Musik sichtbar. „Explosive Live!“ kann man gerade noch die Show eines Popstars nennen, eigentlich ist es „nur“ ein Konzert. Die Feuerfontänen speien, auch gerne rhythmisch. Die Screens über den Musikern übertragen einen ins Schwarz-Weiße entfärbten und in Verdoppelungen und Unschärfen erscheinenden Geiger, visuell wird gearbeitet, was das Zeug hält. Und doch, trotz allem: Die Musik ist es, die im Mittelpunkt steht.

Sie steht im Mittelpunkt, wenn vor Garretts Auftritt ein undefinierbares Gegrummel im Orchester anhebt und der Konzertbeginn auf diese Art fast nur mittels Klang inszeniert wird. Sie steht im Mittelpunkt, wenn Garrett gegen Ende von seiner tiefen inneren Verbundenheit mit dem Gitarristen-Klassiker Django Reinhardt spricht – weil dieser seine Phrasen immer schlunzig um den Bruchteil einer Sekunde verzögert einsetzen ließ. So eine Ansage vom Star – und das Publikum ist sofort mit dem Ohr an der Bühne, nicht bloß mit dem Auge. Und die Musik steht im Mittelpunkt, wenn Garrett einer Rocknummer durch bloße Verwendung einiger ungewohnter Töne einen orientalischen Einschlag gibt.

Momente zwischen Abstoßung und Anziehung

Diese, wie viele andere Momente, profitieren von Abstoßung und Anziehung zugleich: Da ist die knallig harte Rockband, die aus motorischen Impulsen lebt, und da ist der silbrig dahinziehende Geigenton, der bei noch so großer Straffheit immer irgendwie Emotion transportiert. Selbst noch in der unendlichen Verstärkung durch die fünf Mann hohen Deckenlautsprecher scheint dieser Ton zerbrechlich – wie sein Spieler. Mag es auch lange vor Garrett an der Popgeige einen Nigel Kennedy und eine Vanessa Mae gegeben haben – so hat David Garrett doch erst die Ikone des Popgeigers zu Ende erfunden.

Für den zwischen Superhelden-Pathos und Softie changierenden Musiker mit dem klassischsten aller Instrumente hat nur Garrett die Figur, die Spieltechnik und den Willen zum Pop zugleich. Sein Team weiß das: Die scharfe Schwarz-Weiß-Ästhetik der Explosive-Show mit den blutroten Einsprengseln betont und bejubelt diese Ikone. Er hat die Gesten und das Anheizen des Publikums drauf wie die anderen Stars. Aber in seinem Pop steckt doch wieder das Klassische, das persönlich und mühevoll Handgemachte, nicht auf Breitwand Angelegte, auch das unplugged In-sich-Gekehrte.

Doch David Garrett greift auch gerne mit voller Pranke in den Musikkessel, holt sich mit einigem Willen zur Macht in der Welt von Bombast und Bühnennebel die besten Brocken auch aus der Klassiksuppe heraus und knetet sie, bis sie ein echter Garrett sind. Am blutvollsten gelingt ihm das mit Tschaikowskis unzerstörbarem Erstem Klavierkonzert. Das Orchester spielt, wenigstens für zwei Minuten, das Original, während die Band plus Sologeige im inneren Kreis den Klavierpart holzt. Die Melodie biegt dann irgendwann von der Tschaikowski- auf die Garrett-Strecke ab und kommt effektvoll im Dunkeln der Bühne zum Stehen.

Bei David Garrett wird, Bombast und Bühnennebel hin oder her, Musik konkret. Und zwar die ganz Große, Abstrakte von Bach über Beethoven bis Tschaikowski. Bis zum Ende bleibt offen, ob der Superheld im Geiger über den Softie triumphiert: David Garretts bestes Arrangement an diesem Abend dürfte der McCartney-Titelsong zum Bondfilm „Live and let die“ sein. Eine zwischen Hippiemucke und großem Rocktitel changierende Musik, für die Garretts Geige Melodisches wie knarzende Männlichkeit bereithält. Softie und Superheld sind hier beide gut aufgehoben.