Kultur

Ein übler Psychotrip

Matthias Brandt sucht im „Polizeiruf 110“ am Sonntag nach Schwarzgeldkonten

Kommissar Hans von Meuffels, gespielt von Matthias Brandt, stammt aus einem verarmten Münchner Adel, und weiß saubere, weiße Hemden und ein gutes Glas Wein zur Mittagszeit zu schätzen. In „Sumpfgebiete“, seinem neuem Fall, geht es ihm jedoch ganz schön an den Kragen. Die Frau, die er vor fünf Jahren wegen eines Brandanschlags auf ihren Mann verhaftet und für geistig unzurechnungsfähig erklärt hat, darf die Psychiatrie verlassen. In vier Wochen soll ihr Fall wieder aufgenommen werden.

Julia Wendt (neurotisch-schreckhaft gespielt von Judith Engel) fühlt sich bedroht und sucht Hilfe bei von Meuffels. Wenig später wird sie von einem Auto erfasst. Sie stirbt in von Meuffels Armen. Zu Herzen gehender Moment: Sie sieht ihm in die Augen und fragt mit letzter Kraft: „Sterbe ich jetzt?“ „Ja“, antwortet er und hält sie dann einfach nur fest im Arm. Ein Mann langer Reden ist er ohnehin nicht – und was gäbe es im Angesicht des Todes schon Tröstliches zu sagen. Was nun folgt, gleicht eher einem Verschwörungsthriller der Marke Hollywood als einem klassischen deutschen Rätselkrimi mit falschen Fährten und immer wieder neuen Verdächtigen. Wer sich komisch verhält, der hat auch wirklich Dreck am Stecken (und so viel Geld und die richtigen Tennisfreunde, dass er sich keine Sorgen um Konsequenzen machen muss). Die Frage „Spielen Sie Tennis?“ geht hier weit über sportliches Interesse hinaus, meint vielmehr: Sind Sie einer von uns?

„Sumpfgebiete“ der grimmepreisgekrönten Hamburger Regisseurin Hermine Huntgeburth (Drehbuch: Holger Karsten Schmidt und Volker Einrauch) erzählt von einem Einzelkämpfer in einem korrupten System, von einem Polizisten mit dem Rücken zur Wand. Niemand glaubt von Meuffels, der alsbald reichlich ramponiert und nur notdürftig gepflastert durch die Gegend läuft, wenn er seine Theorie von Schwarzgeldkonten in der Schweiz, einflussreichen Bankkunden und geheimen Listen präsentiert. Vor allem sein Chef (Ulrich Noethen als aalglatter Vorgesetzter) bedrängt ihn zunehmend, den Fall Julia Wendt zu den Akten zu legen. Aber das ist natürlich keine Option für den Polizisten­sturkopf, lädierte Gesundheit hin, angedrohte Abmahnung her.

Der „Polizeiruf 110“ aus München hat sich längst etabliert als verlässliche Größe im öffentlich-rechtlichen Sonntagsmorden. Sein Markenzeichen: der lakonische Tonfall, die Schlagseite ins Arthauskino mit künstlerischer Überhöhung (gern umgesetzt von renommierten Regisseuren wie Christian Petzold oder Dominik Graf) und eine subtile, eigensinnige Art von Humor. „Sumpfgebiete“ ist nun ein Psychotrip der ziemlich üblen Sorte. Aber hat je einer behauptet, dass das Polizistenleben ein leichtes ist?

„Polizeiruf 110: Sumpfgebiete“
Sonntag, 20.15 Uhr, ARD