Kultur

Filigrane Klänge im Licht der musikalischen Logik

DSO mit Hannu Lintu und dem Pianisten Jean-Yves Thibaudet

Es ist doch ein gewaltiger Unterschied in der Interpretation: Das Deutsche Sinfonieorchester Berlin unter Leitung des Finnen Hannu Lintu spielt das berühmte träumerische Prélude zum „Nachmittag eines Fauns“ von Claude Debussy in der Philharmonie einfach ganz anders als die Berliner Philharmoniker unter dem lettischen Star Andris Nelsons einige Wochen zuvor an gleichem Ort. Wo bei den Philharmonikern das zauberhafte anfängliche Flöten- und das Hornsolo ankündigten, dass hier Solisten in den Mittelpunkt gerückt werden, hat man bei Gergely Bodoky und Barnabas Kubina – den entsprechenden Solisten des DSO – sogar beim Spiel ohne jegliche Orchesterbegleitung den Eindruck, dass sie von vornherein im Dienst der orchestralen Gesamtinterpretation agieren: keine willkürliche solistische Schwankung des Tempos, kein Vibrato – die solistischen Töne fließen wie selbstverständlich in das hinzutretende orchestrale Plenum hinein. Hannu Lintu, hochgewachsen, asketisch, vom klatschsüchtigen Publikum Konzentration und Ernsthaftigkeit heischend, dirigiert mit einer ungewöhnlichen Kombination großer Drehbewegungen des Oberkörpers und filigranen Zitterns des Stabes.

Von der Programmwahl her kann das folgende Stück nicht überzeugen: Der chinesische Komponist Qigang Chen, Jahrgang 1951, schrieb vor sieben Jahren „Er Huang“, ein Klavierkonzert. Dieses präsentiert hier der dem DSO bestens verbundene Pianist Jean-Yves Thibaudet. Er kann alle Errungenschaften romantischer Virtuosenkunst auffahren. Das Stück, das qua Komponisten-Verlautbarung die chinesische Peking-Oper für die Gegenwart fruchtbar machen will, lässt kaum ein Klischee spätromantischen Orchesterklangs aus.

Thibaudet darf noch in George Gershwins „I Got Rhythm“-Variationen glänzen, für welche im Orchester fünf Saxofone daran erinnern, dass man dieses Instrument auch jenseits des Jazz-Idioms im klassischen Mischklang und mit weichem klassischen Tonansatz blasen kann, ohne die Individualität dieses epochalen Holz-Blech-Bastards zu verraten. Béla Bartóks „Konzert für Orchester“ wird vom Dirigenten Hannu Lintu keineswegs auf seine Effekte an der Oberfläche abgeklopft, auf die zahlreichen solistischen Stellen. Interessanter ist für Lintu, die modernen drastischen Brüche, die jähen Wechsel zwischen Klangentfaltung und virtuosem Dahinschnellen im Licht musikalischer Logik erscheinen zu lassen.