Kultur

„Bürokratie ist eigentlich komisch“

Filmemacher Ken Loach erklärt, warum er am liebsten bissige Dramen über das britische Sozialsystem dreht

Sein Film „I, Daniel Blake“, der derzeit in den Kinos zu sehen ist, handelt von einem Tischler, der nach einem Herzinfarkt vom britischen Sozialsystem drangsaliert wird. Insofern mag es etwas merkwürdig sein, den Kritiker sozialer Ungerechtigkeit ausgerechnet in einem französischen Nobelort wie Cannes zu treffen. Doch Ken Loach ist mit seinen bissigen Dramen über das britische Sozialsystem seit vielen Jahren gern gesehener Gast der Filmfestspiele. Der 80-jährige Brite gewann bereits zum zweiten Mal die Goldene Palme für den Besten Film und ist mit vier Nominierungen einer der großen Favoriten für den Europäischen Filmpreis, der am 10. Dezember im polnischen Wrocław (Breslau) vergeben wird.

Herr Loach, wir sind ein bisschen verwirrt. 2013 hatten Sie doch angekündigt, keine Filme mehr zu machen?

Ken Loach: Ja, es war ein bisschen albern, das so herauszuposaunen. Das würde ich heute nicht mehr sagen. Aber lassen Sie es mich erklären. Wir drehten damals „Jimmy’s Hall“, und ich war 18 Monate lang weg von zu Hause. In meinem Alter ist das eine sehr lange Zeit. Ich war müde, meine Augen wurden schlechter. Aber nach dem Dreh war ich gerade mal eine Woche wieder in meinen eigenen vier Wänden. Da rief Paul Laverty an, mein langjähriger Drehbuchautor, und fragte mich, was ich so vorhabe. Wir plauderten ein bisschen, eins führte zum andern, und schlussendlich drehten wir wieder einen Film.

Es ist ein kämpferischer, anklagender Film geworden über das britische Sozialsystem. War Ihre persönliche Wut auch eine Motivation?

Man kann sich die Situation nicht anschauen, ohne wütend zu werden. Ohne sich darüber aufzuregen, wie mit Menschen umgegangen wird. Als wir anfingen, uns gegenseitig Zeitungsartikel und Nachrichten zu schicken, wurde schnell klar, dass es hier ein Pro­blem gibt. Wir begannen, in Städte und kleinere Ortschaften zu fahren, und trafen Menschen in ärmsten Verhältnissen, die für ihr Essen bei karitativen Tafeln anstehen. Und gleichzeitig wurden in den letzten Jahren zwei bis drei Millionen Sozialhilfeempfänger in Großbritannien dafür bestraft, dass sie irgendwelche absurden Auflagen nicht erfüllt haben. Diese Zahl müssen Sie sich mal vorstellen! Ihnen wurde die Unterstützung entzogen, die sie für Nahrung, Unterkunft und Heizung brauchen. Und niemand redet darüber, es wird unter den Teppich gekehrt.

„I, Daniel Blake“ ist ein sehr authentischer Blick auf soziale Ungerechtigkeit, zugleich gibt es immer wieder Szenen, die zu Tränen rühren. Wie schaffen Sie die Balance zwischen Aufklärung und Emotionalität?

Paul und ich haben zusammen recherchiert, aber die Charaktere und die Handlung hat er geschrieben. Wenn man sich die absurde Situation bewusst macht, hat es erst mal etwas Komisches. Die ganze Bürokratie ist eigentlich lächerlich. Aber natürlich ist es, wenn man es am eigenen Leib erlebt, wahnsinnig frustrierend. Und wir wollten keine offensichtlichen Opfer zeigen, wir wollten zwei Hauptfiguren, die positiv sind, die etwas leisten und beitragen wollen.

Die Sozialsysteme sind gerade europaweit auf dem Prüfstand, auch in reichen Ländern wie Deutschland. Für rechtspopulistische Parteien scheint es ein gefundenes Fressen, diese Bürokratie als wertlos und überflüssig abschaffen zu wollen.

Ich halte das sogar für gewollt. Die Bürokratie ist ineffizient, nicht weil man es nicht besser kann, sondern um Menschen zu erniedrigen und ihnen zu zeigen, dass sie an ihrer Armut selbst schuld sind. Die Medien tragen zu diesem Bild bei. Schauen Sie sich all die Fernsehshows an, die sich über Menschen lustig machen, weil sie angeblich zu fett sind oder zu viele Kinder haben. Aus Armut wird Comedy. Es ist ein ganzes Fernsehgenre, das nur dafür da ist, Leute zu demütigen. Und wenn alle glauben, dass die Unterschicht selbst schuld ist, werden diejenigen, die es wirklich zu verantworten haben, nicht mehr zur Rechenschaft gezogen: die globalen Konzerne, die billige Arbeitskräfte und niedrige Steuern brauchen.

Welche Wirkung erhoffen Sie sich von Ihrem Film?

Ich hoffe natürlich, dass er Leute zum Nachdenken bringt. Vielleicht macht er ein paar Menschen wütend, hoffentlich reden sie über das, was gerade passiert. Und vielleicht motiviert es ein paar, zu kämpfen. Aber man muss vorsichtig sein. Sie haben gerade ein Problem in Deutschland mit Wutbürgern. Aber deren Wut richtet sich an die Falschen. So kam Hitler damals auch an die Macht. Es sind nicht die Armen, die Flüchtlinge, bestimmte Ethnien oder Religionen, die schuld sind. Trump ist ein klassisches Beispiel dafür. Vom Brexit will ich gar nicht anfangen.

Sie sind diesen Sommer 80 geworden und strahlen einen Kampfgeist aus, der selbst vielen 40-Jährigen abgeht. Woher nehmen Sie das? Und denken Sie, wie schon einmal angedroht, tatsächlich mal ans Aufhören?

Ich kann wirklich nicht sagen, wie es weitergeht. Ich lasse es mal auf mich zukommen und entscheide dann. Aber ganz ehrlich: Alles ist einfach, außer dem Dreh. Wenn der nicht wäre. Der einzige Moment, wenn ich mich ernsthaft frage, was ich hier gerade tue, ist bei Dreharbeiten, wenn um 6 Uhr morgens der Wecker klingelt.