Kultur

Die Malerin, die ihre Vergangenheit verlor

Cornelia Schleime zeigt ihre Retrospektive in der Berlinischen Galerie

Schon klar, dass die Staatssicherheit nicht an "meinen Schlüpfern und Hackenschuhen" interessiert war. Was sie aus Cornelia Schleimes Ost-Berliner Wohnung herausholten, waren 95 Ölbilder, Hunderte Zeichnungen und ihre bemalte Keramik, alles weg. Ansonsten verwüsteten sie die Räume, damit es aussah wie ein Einbruch. Eigentlich hatte die Malerin ihre Werke für den späteren Transport nach West-Berlin vorbereitet. Sie selbst musste 1984 in 24 Stunden das Land verlassen, einige Gemälde im Handgepäck konnte sie mitnehmen. Ein Diplomat der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik rettete wenigstens ihre Super-8-Filme und ihre Tagebücher.

Jetzt, wo Cornelia Schleime die große Kunstauszeichnung des Landes Berlin erhalten hat und die erste institutionelle Ausstellung in "ihrer Stadt" zeigt, da kommt sie doch wieder hoch, die ganze irre Vergangenheit. Den Verlust ihrer Kunst empfand sie als Identitätsverlust. Da stand die junge Malerin plötzlich in West-Berlin und konnte nur sagen: Ich bin Künstlerin, doch ohne Werk. Es ist bis heute verschwunden, vielleicht wird es eines Tages auf dem Kunstmarkt auftauchen. Umso kurioser war es, als in diesem Sommer die Schwester ihres damaligen "Nachmieters" in Ost-Berlin sich bei ihr meldete. Ihr Bruder, der inzwischen in England lebt, hat aber über 16 Umzüge hinweg zwei Mappen mit Zeichnungen und viele Fotos von Cornelia Schleime aufbewahrt. Erst jetzt, nachdem sie über die Presse von der Vergabe des Hannah-Höch-Preises an Schleime lasen, konnten sie das Mappenwerk zuordnen. Als Schleime sich diese Arbeiten anschaute, merkte sie, "welch verrücktes Farbempfinden" sie damals hatte, und welches Trauma in diesen frühen Blättern steckte. Der Tod ihrer Freundin Ulrike, die sich mit 24 Jahren das Leben nahm. "Die Bilder sind mein innerer Stummfilm", sagt sie.

Wie eng die Biografie Schleimes tatsächlich mit ihrem Werk verwoben ist, kann man in der Ausstellung bestens nachvollziehen. Kaum war sie im Westen, da "kroch schon die DDR" wieder hinter ihr her. Nach der Wende erfuhr sie, dass einer ihrer guten Freunde, Alexander "Sascha" Anderson sie jahrelang bespitzelte. Diese im Grunde inhaltlich belanglosen Protokolle hat sie kopiert, vergrößert und mit sarkastischen Fotoinszenierungen in der Serie "Bis auf weitere gute Zusammenarbeit" als eine Art Dokumentation dargestellt. Übrigens sind die meisten der präsentierten Arbeiten nicht zu verkaufen.

Interessant ist, wie Schleime damals Wege fand, sich auszudrücken. Sie gehörte zur alternativen Kunstszene, sang mit ihrer aufreizenden Reibeisenstimme in der Punkband Zwitschermaschine. Da passte nichts zur Staatsdoktrin des Sozialistischen Realismus. Ab 1981 durfte sie nicht mehr ausstellen. Als sie nicht mehr malen und singen durfte, "blieb mir nur mein nackter Körper." Sie umwickelt ihn mit Bändern und mit Draht – ließ sich fotografieren. Bondage, sagt man heute. "Das war existenziell", erzählt sie, "eine Parabel für die Situation. So fühlte man sich in der DDR". Diese Fotos sind jetzt zusammen mit 80 großformatigen Gemälden, Zeichnungen, Aquarellen in der klugen Retrospektive "Ein Wimpernschlag" in der Berlinischen Galerie zu sehen.

Schleimes suggestiven, starken Bilderwelten sind eigen wie sie selbst, die Lust an der Insze­nierung ist wie ein roter Faden im großen Werk. Da gibt es diese fast mystischen Gemälde und Aquarelle mit den überlangen Zöpfen, meist Selbstbildnisse mit Pe­rücke. Katholisch erzogen sollte sie "in Form" gebracht werden, auch vom Staat. Doch vereinnahmen lässt sie sich bis heute nicht.

Berlinische Galerie , Alte Jakobstr. 124–128. Mi–Mo 10–18 Uhr. Katalog: 28 Euro

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