Kultur

Der Meister der Zeit

Fremde Welten, Einsamkeit und der Kaiser von China: Christoph Ransmayrs neuer Roman

Seine Zeit steht still. Seit dem frühen Tod seiner Tochter und seit die Verzweiflung über diesen Verlust seine Frau verstummen ließ. Seither lebt er wie betäubt, merkwürdig zeitlos, der Schmerz wird zum einzigen Minutenzeiger seiner inneren Uhr. Alister Cox ging es also schon mal besser, als er den Auftrag erhält, zum Kaiser von China zu reisen. Der hat nämlich ein paar Spezialaufträge für den größten Uhrmacher Englands. Er möchte, klar, Uhren. Aber nicht irgendwelche Zeitmesser, sondern solche, die die individuelle Zeit anzeigen. Die eines gelangweilten Kindes, dem eine Stunde wie tausend vorkommt, die Liebender, deren Minuten in Lichtgeschwindigkeit davon rasen, und die Sterbender, die ihren Herzschlag jede Sekunde schwächer fühlen. Für Cox, der alles messen, takten, definieren kann, sogar den voranschreitenden Zerfall seines Kindes im Sarg, kommt diese Aufgabe gerade recht. Sie wird ein Versuch, sein eigenes Leben neu auszuloten. Ob ihm das gelingt, so viel darf man vorweg nehmen, erfährt man in dem Buch „Cox oder Der Lauf der Zeit“ nicht. Wer andere Romane Christoph Ransmayrs kennt, der weiß aber, ein Happy End ist seins nicht. Seine Protagonisten, Abenteurer, Eroberer und Wanderer, sind auf der Suche nach einem Ort, der ihre Einsamkeit tilgt. Bloß findet den nicht jeder.

Smaragdgrüne Täler und azurblaue Seen

Cox jedenfalls, der Zeitmacher ohne Zeit, sieht auf seiner Reise die Schönheit Chinas: smaragdgrüne Täler und azurblaue Seen, „Bauten in vollendeter Symmetrie“, Tempel, Paläste, Prunk. Und doch scheint das alles an seinem ungerührten Blick vorbei zu schwimmen wie Holzstöckchen auf einem trägen Fluss. Denn Cox ist nie wirklich dort angekommen. Er ist zu Hause geblieben, in London, am Grab seiner Tochter, bei seiner stummen Frau. Der Schmerz reißt ihn dorthin mit sich, erst Monate später, ganz allmählich, lindert der sich. Es ist es nicht dieses ferne Land, das ihn wieder Zeit fühlen lässt, sondern die Akribie seiner Uhrenforschung. Cox und seinen drei Mitarbeitern gelingt es, die Wünsche des Kaisers zu erfüllen. Die Uhr eines Kindes ist schnell ertüftelt, die Zeit Sterbender in einer Feueruhr festgehalten, „die in ihrem Räderwerk die Zeit verglühen lässt.“ Cox stürzt sich in die Zeiterfassung, dass die Monate verfliegen wie Sekunden.

Bis der Kaiser ihm eine, so scheint’s, unlösbare Aufgabe abverlangt: eine Uhr, die niemals still steht, die angetrieben wird durch ihre eigene Kraft, die die Äonen überdauert und erst anhält, wenn es keine Zeit, keine Welt mehr gibt. Perpetuum Mobile. Auch das bringt Cox, diesen Feinmechaniker und Tüftler, nicht zum Verzweifeln. Er schafft’s, diesen endlosen Zeitmesser auf seiner Werkbank zu ertüfteln. Es ist eben einfacher, die Zeit zu messen, als sie auszuhalten.

Christoph Ransmayr schafft Welten, die unserer nicht unähnlich sind. Trotzdem möchte man in keiner leben. Zu kalt, zu grausam, zu schön sind sie. So wie die arktische Wüste in seinem Erstling „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“, das sumpfige Moorland in seinem 1995 erschienenen Roman „Morbus Kitahara“ und die menschenfressenden Gebirge Osttibets in „Der fliegende Berg“ von 2006. Mit einer Adjektivwut, die manchmal anstrengt, überfällt der Österreicher diese Landschaften wie ein Moskitoschwarm sommerwarme Haut. Er fräst sie ab mit seitenlangen Beschreibungen und pointierten Metaphern. Er bezwingt sie mit Worten wie es seine Protagonisten oft so vergeblich versuchen.

Ransmayr, der sich als „Halbnomade“ bezeichnet, entdeckt die Orte seiner literarischen Welten auf eigenen Reisen, Cox’ China, die Reisplantagen, nebeligen Täler und Paläste, aber eher durch Zufall. Als er vor einiger Zeit „in Peking gestrandet“ sei und ein Freund ihn in die Verbotene Stadt geführt habe, erzählt er bei einer Lesung im Berliner Ensemble, habe er den Pavillon der Uhren gesehen. Chronometer, Zeitmesser, Wasser-, Glas- und mechanische Uhren stünden dort in Lichtinseln. „Das zu sehen, ist ein großartiges Erlebnis“, sagte der 62-Jährige. Er sei sofort neugierig geworden auf den Uhrenmacher, der das geschaffen habe. Als er eine der Uhren umdreht, da sieht er auf dem Grund aber keinen chinesischen Namen. Nein, da steht: Cox, London. Klar, dass er daraus eine Geschichte spinnen muss. Den Titel schreibt er in sein Reisetagebuch, ehe der Plot erdacht ist. Ransmayr greift sich diesen Uhrmacher aus der Realität und webt ihm ein neues, fiktives Schicksal. „Meine Figuren sind Erfindungen mit historischen Vorbildern.“ Cox heißt eigentlich nicht Alister, sondern James. Er war auch nie in China.

Ransmayr ist kein Vielschreiber – sein letzter Roman liegt ein Jahrzehnt zurück –, aber er experimentiert gern mit unterschiedlichen Erzählarten. Mit Versen wie in „Der Fliegende Berg“, mit antiker Kurzprosa wie in „Die letzte Welt“, mit lexikonartigen Texten wie in „Atlas eines ängstlichen Mannes“. In jedem Buch arbeitet er sich an einem „was wäre, wenn“ ab. Und entwirft archaische Situationen, Endzeitdramatik und Dystopien, die Illusionen verpuffen lassen wie Seifenblasen im Wind. Seine Protagonisten sind keine Sympathieträger. So wie Cox. In heiklen Momenten denkt der nur an sich. Als jemand in einem blutigen Hustenschauer stirbt, dreht er sich fort. Und als einer seiner engsten Mitarbeiter von einem Pferd mitgezerrt wird, ist er bloß erleichtert, dass er ihn schnell ersetzen kann. Ransmayr hält dem Leser hier einen Spiegel vor, der Schlechtes deutlich hervortreten lässt. Das ist keine Wohlfühlliteratur – es lässt einen so frösteln wie Cox, wenn die Kälte in Gänsehautschauern über seinen Körper wandert –, und es ist fantastisch erzählt. So haargenau, dass man die Luft Chinas auf der Zunge schmeckt und das Ticken von Cox’ Uhren hört.

Auf der Suche nach dem individuellen Takt

Aber bei Ransmayr geht es nie bloß um die Geschichte, um Cox und seine Mission, es geht um die totalitäre Macht eines Kaisers und um sein Schreckensregime, das nicht nur Menschenleben, sondern Nasen und Füße, Augen und Ohren kostet – Ransmayr nimmt das sehr wörtlich. Es geht um Begehren, Einsamkeit und um’s Aufstehen. Und, wie bereits in seinen anderen Romanen, um die Lust, die blinden Flecken unserer Welt auszumerzen. Eine fast wissenschaftliche Akribie treibt seine Figuren an, die vermessen mal die Arktis, mal Berge, mal Mittelmeerinseln oder, so wie hier, die Zeit in China. Die Entdeckungseuphorie verwandelt sich schnell in Unterwerfungslust. Doch die Natur, das wird wieder und wieder klar, lässt sich nicht unterjochen. „Was man vom Lauf der Zeit lernen kann?“, fragt Ransmayr bei seiner Lesung ganz beiläufig, „ihm widersteht keiner.“

Diese Suche nach einem Zeitmesser, der den individuellen Takt erfasst wie Minuten und Stunden, die ist eigentlich nicht so neu. So einen Zeitanzeiger gibt es nämlich schon: Erzählen. In einer Geschichte kann jede Minute zur Stunde gedehnt werden, Tage können wie Sekunden verfliegen, ein Wimpernschlag kann einem ganzen Leben gleichen. Am Ende, das scheint Ransmayr in dieser parabelhaften Erzählung zu demonstrieren, bleiben uns nur Geschichten, „von keiner Uhr zu messen, scheinbar ohne Ausdehnung wie ein Jahrmilliarden entfernter, glimmender Punkt am Firmament.“ Und vollkommen zeitlos.

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