Kultur

Vier Fotografinnen erkunden ihre Identität

Fotografie der 70er-Jahre inder Galerie Thomas Schulte

Hell scheint ihr Gesicht aus dem Dunkel hervor. Bild für Bild verändert es sich. Mal gleicht es eher dem einer Frau, mal eher dem eines Mannes. Oft ist es grell geschminkt, um die Augen liegt ein dunkler Schatten. „Transformer“ heißt die 1973 entstandene Fotoarbeit von Katharina Sieverding, Jahrgang 1944. Sie ist eine von drei Arbeiten der Beuys-Meisterschülerin, die in der Galerie Thomas Schulte als Diaprojektion zu sehen sind. Mit verschiedensten fototechnischen Experimenten wie Überblendungen, Solarisation, Spiel mit Licht, Kontrast und Farbe erkundet Sieverding ihr Selbstbild und zeigt alle Facetten einer komplexen Persönlichkeit.

Spiel und Performancemit dem eigenen Körper

Ein großer Anteil daran ist Performance: das Schminken und anschließende Posieren vor der Kamera. Das verbindet sie mit den Arbeiten der anderen Künstlerinnen, die bei Schulte in der Ausstellung „Die zu sein scheint, die ich bin“ zu sehen sind, allen voran Verwandlungsallrounderin Cindy Sherman (62) mit ihrer frühen Bus-Riders-Serie, in der sie verschiedene Busfahrgäste, also Typen, nachstellt und sich fotografiert. Auch die berühmten Filmstills der Amerikanerin, die bei New York lebt, sind zu sehen, in denen sie sich in verschiedenen Settings ablichtet und weibliche Stereotype – von der Diva bis zur Schlampe – im Film erkundet. Surreal sind die noch nie gezeigten Polaroids von Birgit Jürgenssen (1949–2003). Sie spielt provokant mit Requisiten und erkundet dabei ihren Körper oder verschiedene klassische Motive wie „Der Tod und das Mädchen“.

Sehr poetisch und oft ebenfalls surreal wirken die Arbeiten der schon mit 22 Jahren verstorbenen Francesca Woodman (1958–1981). Ihr Zimmer oder auch die Natur werden für sie zu Räumen, in denen sie ihren Körper im Zusammenspiel mit der Umgebung erforscht. Mal verschmilzt sie ganz mit einer Wand, mal taucht sie hinter einem Glaskasten auf, mal krümmt sich ihr nackter Körper auf verkrustetem Erdreich in Colorado.

Die Ausstellung entführt in die künstlerisch ausgesprochen spannenden 70er-Jahre, als eine Avantgarde von Frauen Performancekunst, Body Art und Fotografie verschmilzt und vollkommen neue Ausdrucksformen entwickelt, um weibliche Identität vor dem Hintergrund gesellschaftlich definierter Geschlechterrollen zu reflektieren. Maskerade, Kostüm und das performative Spiel sind die Mittel, mit denen sie sich aus einengenden sozialen Zuschreibungen zu befreien versuchten.

Galerie Thomas Schulte, Charlottenstr. 24, Mitte, Tel. 20 60 89 90, Öffnungszeiten Di.–Sbd. 12–18 Uhr. Bis 26.11.