Kultur

Kleinbürgerliche Katastrophe

„La Douce“ ermüdet in seinem gänzlich unoriginellen Avantgarde-Habitus

Man weiß von Beginn an, wie das Ganze ausgeht, und das ist ein Teil des Problems: Die Sopranistin Dénise Beck liegt in einem hinteren Teil des verschachtelt angelegten, begehbaren Bühnenbildes auf dem Boden – die junge Frau des Pfandleihers, welche der Erzählung von Fjodor Dostojewskis „Die Sanfte“ den Titel gibt, hat sich aus dem Fenster gestürzt. Die Staatsoper bringt auf ihre Werkstattbühne im Schillertheater den Stoff in der musiktheatralischen Fassung des portugiesisch-französischen Komponisten Emmanuel Nunes, fertiggestellt 2008.

Wenn wir den schwarzen Raum der Werkstatt betreten, sind alle Utensilien der dumpfen, kleinbürgerlichen Katastrophe, die hier verhandelt wird, schon ausgestellt, wir wandeln zwischen ihnen: Die Pistole, die der frus­trierte Ehemann und Pfandleiher an einem Höhepunkt des Ehestreits wortlos ins Spiel bringen wird. Das aquariumartige Zimmer, in welchem er seine minderjährige Ehefrau hausen lässt. Und die hier fast königlich wirkende Empore, von welcher sich das Mädchen mit einem dramatischen Schrei am Ende herabstürzen wird. Nunes lässt vor allem den Pfandleiher – hier in Gestalt des omnipräsenten und nimmermüden Schauspielers Sebastian Kuschmann – reden, jedoch auch die junge Näherin. Die Schauspielerin Bea Brocks, eingeschlossen in ihr Hinterhof-Zimmer, wendet unter Leitung des Dirigenten Titus Engel Beachtliches an Energie auf. Die in Vertretung der erkälteten Sopranistin Dénise Beck hervorragend singende Olivia Stahn sowie das sängerische Alter Ego in Gestalt des durchschlagkräftigen Countertenors Zvi Emanuel-Marial sollen die ausbrechenden Emotionen der altrussischen Kleinbürgerwelt ins Opernhafte überhöhen. Das Werk von 2008 ermüdet nicht nur in seinem gänzlich unoriginellen Avantgarde-Habitus, sondern auch in seinem Bedürfnis, wirklich die letzte Information der kurzen Erzählung szenisch und musikalisch aufzubereiten. Regisseurin Anna Bergmann meint es gut mit dem schwachen Stück, sattelt aber noch einen drauf: Wenn die Zuschauer in den über zwei Stunden nicht auf den harten Bänken ausharren wollen, sollen sie herumlaufen und sich das Ehedrama aus anderen Perspektiven anschauen. Wozu?