Kultur

Mitsing-Hits im Halbstundentakt

Schlagernacht 2016: Ein bisschen singen, ein bisschen tanzen und Bier trinken, ohne es zu verschütten

Die Schlagernacht des Jahres ist lang, fast sechseinhalb Stunden dauert sie. Insgesamt 13 der aus dem Fernsehen vertrauten Schlagerstars stehen nacheinander auf der Bühne: die Piepsmäuse und Windhunde, die Weltverbesserer und die stolzen alten Machos. Es ist eine spannende, unterhaltsame Mischung. Die Mercedes-Benz Arena ist nahezu ausverkauft, und das Publikum ist auffällig jung. Bereits in der ersten Schlagerstunde beginnt mich eine tanzende Frau über eine Reihe hinweg leidenschaftlich zu herzen. Eine spontane Flucht nach Mallorca liegt in der Luft. Männer, die sich zum Schlager bekennen, sind bei der Schlagernacht deutlich in der Minderzahl. „Männer sind aber schon anwesend?“, scherzt Moderatorin Franziska Maushake. Und fügt noch hinzu: „Zwei, Drei.“ Das ist schon untertrieben.

Das Bemerkenswerteste an der Schlagernacht ist, dass sie so grundanständig ist. Ein bisschen singen, ein bisschen tanzen. Man trinkt sein Bier, ohne es zu verschütten. Die Frau von heute will Spaß haben. Schließlich wird ein Mitsing-Hit nach dem anderen vorgeführt. Das Ganze hat etwas von einem riesigen Chortreffen, Textsicherheit ist hilfreich. Und es gibt sie, die magischen Showmomente. Der erste ist nach ungefähr zweieinhalb Stunden. Da schallt die Einleitungsmusik durch den Raum, das Publikum steht geschlossen auf und singt „Hello Again“, bevor es Howard Carpendale selber tut. Howie ist das, was man einen ausgebufften Altstar nennt. Er hat auch genügend Hits, der er ziehen kann. Natürlich besingt er „Das schöne Mädchen von Seite 1“. Einen Hit möchte er Donald Trump schenken. Und dann singt der Saal „Dann geh doch“.

Nicole erinnert ein bisschen an Leonard Cohen

Einmal wird es sogar richtig politisch und es bleibt festzuhalten, das Berliner Schlagerpublikum ist alles andere als Pegida. Nicole erklärt ihre Botschaft für Partyverhältnisse sehr ausführlich. Es geht um Paris, Brüssel und Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen. Das Publikum folgt ihr, wenn sie „Ein bisschen Frieden“ singt. Die Sängerin selber ist so gerührt, dass ihr jemand von unten ein Taschentuch zur Bühne hochreicht. Nicole erinnert an diesem Abend ein wenig an den gerade verstorbenen Singer-Songwriter Leonard Cohen, der hatte eigentlich auch keine Stimme, aber die höchsten Ansprüche an sich und sein Publikum.

Der moderne Schlager lebt nicht nur von der deutschen Sprache, sondern auch von seinen Grenzüberschreitungen hin zu Pop und Musical. Aber bei Matthias Reim kann man lernen, was einen gehobenen Song ausmacht. Seine Hits sind nur nüchtern mitsingbar, wer zu viel getrunken hat, bricht sich die Zunge. Der zerfurchte Jungentyp sieht sich in der Mercedes-Benz Arena einem riesigen Mädchenchor gegenüber. Reim ist ein Highlight.

Es gibt etwas, was bei 13 Künstlern, die sich im Halbstundentakt ablösen, manchmal nervt. Andauernd ist von Berlin die Rede. Der eine hat vor 30, 40 Jahren hier erstmals gesungen, Vicky Leandros wohnt in der Stadt, besingt aber lieber Lodz, manche schreien nur hysterisch „Berlin“, andere loben ausdauernd das Berliner Publikum. Man wusste gar nicht, wie schrecklich das Schlagerpublikum in anderen Städten sein muss. Einen richtigen Berlin-Hit hat keiner im Repertoire. Da sind Pop und Rock schon einen Schritt weiter. Möglicherweise eignet sich die Metropole ja gar nicht für Heile-Welt-Titel.

Der deutsche Schlager ist durchaus in die Jahre gekommen. Die großen Barden kokettieren alle mit ihrem Alter. Erst behauptet Howard Carpendale, der Älteste im Raum zu sein. Er ist 70. Dann kommt Roland Kaiser und behauptet dasselbe. Er ist 64. Ganz am Ende räumt Jürgen Drews den Siegerapplaus als Ältester ab. Er werde jetzt 72, verkündet er. Dabei will Drews in seiner fast zirzenischen Show mit aller Gewalt jung wirken. Jürgen Drews ist ein Showprofi, ein Magier, ein Manipulator. Den dagegen steif wirkenden Roland Kaiser kann er dennoch nicht toppen. Die Erklärung ist einfach: Während der König von Mallorca vor allem sich selbst besingt, kann Roland Kaiser jeder Frau im Saal das Gefühl geben, eine Joana zu sein.

Der Schlager-Marathon ist ein Selbsterfahrungskurs. Jeder sollte ihn einmal im Leben mitgemacht haben. Wer es zweimal tut, muss verrückt sein. Oder zumindest partysüchtig.