Interview

"Deutschland steht nicht gut da", findet Herta Müller

Die Nobelpreisträgerin Herta Müller fordert ein Exilmuseum in Berlin. Ein Gespräch im Literaturhaus in der Fasanenstraße.

Kurze Pause während der Tagung: Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller im Charlottenburger Literaturhaus

Kurze Pause während der Tagung: Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller im Charlottenburger Literaturhaus

Foto: Reto Klar

Das Literaturhaus Berlin liegt in der Fasanenstraße, in einer etwas von der Straßenfront zurückgezogenen Villa. Hier treffen wir die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller, die zusammen mit dem Literaturhaus ein Symposium zum Thema "Exilmuseum in Deutschland" veranstaltet – denn ein solches Exilmuseum, das die Schicksale der Deutschen zum Thema macht, die aus politischen Gründen oder weil sie rassisch verfolgt wurden in der NS-Zeit das Land verlassen mussten, existiert bislang noch nicht. Das Charlottenburger Literaturhaus ist als Ort für die Konferenz gut gewählt. In dieser Gegend setzte das Exil gleich mit der Machtergreifung 1933 ein. Ärzte, Anwälte, Unternehmer, Ladenbesitzer, Künstler und viele mehr verließen von hier aus fluchtartig Deutschland. Einer der Ersten war der Schriftsteller Heinrich Mann. Er wohnte Fasanenstraße 61.

Berliner Morgenpost: Sie fordern vehement ein "Exilmuseum" zum Thema NS-Zeit. Man könnte denken, die NS-Zeit ist museal eigentlich schon ziemlich breit aufgearbeitet...

Herta Müller: Ja, in vielen Bereichen stimmt das, für das Militär, für die Verbrechen der Nazis, die Konzentrationslager und den industrialisierten Mord. Aber das Exil ab 1933, die Vertreibung von Hunderttausenden Deutschen ins Ausland, ist eine Leerstelle in der Museumslandschaft. Es ist wie eine stillgestellte Zeit, die wir bis heute nicht an uns heranlassen.

Aber es gibt doch eine Reihe von Exilforschungen. Es gibt beispielsweise das Deutsche Exilarchiv in Frankfurt am Main, das Teil der Deutschen Nationalbibliothek ist.

Dort wird gesammelt und nur selten ausgestellt. Es gibt nun mal keinen großen Ort, an dem Flucht und das Exil dargestellt werden als Teil der deutschen Geschichte. Es geht dabei nicht nur um prominente Namen wie Thomas Mann, sondern auch um die Millionen kleiner Leute, die ihre Berufe hatten, ihre Wohnung. Die plötzlich ihr Leben retten und alles stehen und liegen lassen mussten. Man sollte sich das mal für sich selbst vorstellen, wie das ist. Hermann Ullstein beispielsweise, der große Verleger. Er hat nach seiner Flucht als Nachtwächter gearbeitet. Für solche Biografien muss es ein Museum geben.

Sie hatten Angela Merkel 2011 einen Brief geschrieben, in dem Sie betonten, Deutschland bräuchte so ein Museum des Exils. Haben Sie eine Antwort bekommen?

Der Kulturstaatsminister Neumann hat als Reaktion auf den Brief das virtuelle Museum "Künste im Exil" im Internet ins Leben gerufen. Das gibt es bis heute und es wächst. Aber das ersetzt natürlich nicht einen Ort, an den wir gehen können und wo Gegenstände und Dokumente gezeigt werden. Ich denke auch an die Nachkommen der Exilanten, an ihre Enkel, die in der Welt verstreut sind. Wenn sie in die Heimat ihrer Großeltern kommen und etwas über deren Schicksal erfahren möchten – wo bitte sollen sie hingehen?

Im Jüdischen Museum etwa spielt Exil eine Rolle.

Wir können das Problem nicht der Jüdischen Gemeinde überlassen. Es sind nicht nur Juden aus Deutschland geflohen. Demokratische Politiker oder moderne Künstler, die als "entartet" galten, konnten in Deutschland nicht mehr leben. Max Beckmann oder Willy Brandt waren nicht jüdisch. Das, was man den Menschen damals angetan hat, die fliehen mussten, haben wir noch nicht angepackt in unserer Erinnerungskultur.

Vielleicht spielt auch Scham ein Rolle. Denn viele Berliner haben damals von dem Exil ihrer eigenen Nachbarn profitiert. Man wusste, dass eine Familie bald gehen muss und hat schon mal geklingelt, um sich die Möbel anzuschauen, die zurückgelassen werden mussten...

...und dann hat man sich um die Kleiderbügel geprügelt, die Nachtkästchen und die Lampenschirme und die Pelzmäntel.

Die Schuld wird dann sehr konkret.

Die Kleiderbügelnachbarn sind heute bereits verstorben oder sehr alt. Aber jedes Mal wenn ich an einem Antiquitätenladen vorbeigehe, sehe ich im Schaufenster eine "arisierte" Ausstellung. Ich frage mich immer, was wohl passiert ist mit den ehemaligen Besitzern. Woher sind die Möbel und die Ohrgehänge und die kleinen Ringe und all das Geschirr.

Und in einem Exilmuseum würde so etwas sichtbar werden. Wie groß sind denn die Chancen für so ein Museum?

Das hängt nicht von mir ab. Man muss dieses Museum wollen – und dann macht man es. Wir sind ein reiches, ziviles Land. Wir sollten die Aufgabe begreifen und uns dazu verhalten, dass Deutschland so vielen Menschen ihre Heimat genommen hat.

Nun entsteht ja gerade ein anderes neues Museum, welches das Thema "Flucht und Vertreibung" der Deutschen nach 1945 zum Thema hat. Wie steht die Bundesrepublik da, wenn wir ein Zentrum zum Thema Vertreibung haben, aber kein Exilmuseum?

Deutschland steht nicht gut da. Es ist die Verlängerung des Verschweigens. Das entstehende Museum zeigt die Vertreibung nach Deutschland hinein. Aber für die Vertreibung aus Deutschland hinaus gibt es dann immer noch keinen Ort.

Könnten Sie sich vorstellen, dass ein Exilmuseum Teil dieses Zentrums wird?

Nein, das sind völlig verschiedene Ereignisse. Es geht um die aus dem Osten nach Deutschland geflohenen Deutschen, unter denen natürlich auch Nazis waren, große und kleine. Um die sich danach ein eigenes Ministerium kümmerte. Und die sich organisieren konnten, wieder unter der Leitung von großen und kleinen Ex-Nazis. Und Deutschland zeigt damit seine Großzügigkeit, die Aufnahmebereitschaft trotz Nachkriegszeit. Aber vorher hat Deutschland Hundertausende verjagt und vertrieben. Ohne die erste Vertreibung hätte die zweite gar nicht stattgefunden.

Sie kennen das Exil, mussten es selbst durchleben, als sie 1987 vor Ceaușescu Securitate nach West-Berlin flohen. Fühlen Sie sich noch im Exil?

Nein, ich bin nicht mehr im Exil. Ich war so lange im Exil wie Ceaușescu an der Macht war. 1989 hätte ich ja nach Rumänien zurückgehen können. Deshalb möchte ich das Wort Exil nicht mehr beanspruchen. Das wäre ungerecht im Vergleich zu anderen Menschen, die aus Diktaturen sind. Said, ein Autor aus dem Iran, zweimal geflohen, er ist bis heute im Exil. Er sagt, Heimat sei die Zeit, die wir verloren haben. Diesen Heimat-Begriff kann ich akzeptieren.

Die besten Nationalgerichte, heißt es, isst man bei Exilanten. Da kocht die Sehnsucht mit, nach dem, was verloren gegangen ist.

Das Essen und die Musik. Das sind diese Sachen, die auf den nackten Nerv gehen. Im Mund oder im Kopf. Man braucht keine Worte. Die Musik geht direkt in uns hinein, und das Essen auch. Das ging auch Marlene Dietrich damals so.

Exil ist aber auch ein Wort, das viel Gefühl auslöst. Es gibt ein bekanntes Restaurant in der Stadt mit dem Namen.

Auch einen Möbelladen. In vielen Bereichen wird das Wort romantisiert. Es steht für Ruhe, Wohlstand, Gemütlichkeit. Das Wort ist präsent. Aber diese schwarze Tiefe des Wortes Exil, die ist nicht vorhanden. Denn wenn heute ein Flüchtling zu uns kommt, fragen viele vorwurfsvoll, was suchst du hier. Sie fragen nicht, warum musstest du fliehen. Exil ist ein Transitzustand, ein ständiges Verlorensein...

Sollte das Museum nur die NS-Zeit thematisieren? Es gibt ja so viele verschiedene Exilerfahrungen.

Der Kern sollte das Exil im Nationalsozialismus sein. Diese beispiellose Katastrophe für die Verjagten, die alles verloren haben und die Katastrophe für Deutschland, das innerhalb kürzester Zeit seine wichtigsten Künstler, seine besten Wissenschaftler verstieß. Aber natürlich verweist diese Zeit ja auf die Flüchtlinge, die jetzt zu uns kommen. Umso wichtiger ist es ja, den Inhalt des Wortes Exil zu begreifen.

Und die Zahl der Exilanten reißt nicht ab. Weil immer mehr Staaten in eine undemokratische Richtung gehen: Ägypten, Türkei, Ungarn, Russland, wer weiß, womöglich eines Tages sogar Amerika...

Es scheint sich alles zu verschlimmern. Ich habe mich oft gefragt, wie entsteht eigentlich eine Diktatur? Als ich 1953 zur Welt kam, starb Stalin. Ich kannte damals nur die Diktatur in Rumänien, ich wurde in sie hineingeboren. Mein Großvater erzählte mir von Enteignung, Verstaatlichung, Lager, Deportation. Nun sehen wir fast jeden Tag, wie erschreckend einfach eine Diktatur entsteht. Victor Orban hat gesagt: Man muss nur einmal siegen, einmal richtig. Das sind Sprachbilder der Diktatoren. Und wir haben im Arabischen Frühling auch gesehen: aus einer gestürzten Diktatur wird nicht automatisch eine Demokratie.

Wo soll ein solches Exilmuseum eigentlich stehen? In Berlin?

Von Berlin gingen die Hitlers Befehle aus. Es war damals und ist deshalb auch heute der entscheidende Ort. Es gab auf der Tagung heute schon erste Vorschläge. Die direkte Nachbarschaft zum Gropius-Bau oder am Anhalter Bahnhof. Aber ich kann dazu nichts sagen.

Jetzt zum Schluss eine ganz andere Frage, weg vom Exilmuseum. An Sie als Literatur-Nobelpreisträgerin. Bob Dylan kommt nicht zur Verleihung des Nobelpreises. Wie finden Sie das eigentlich?

Ich freue mich, dass er den Preis bekommt. Seine Lieder sind gesungene Literatur, mit der er hunderttausende Menschen begeistert. In den USA hat er damals eine richtige Revolte ausgelöst. Übrigens ist auch Dylan ein Flüchtlingsenkel. Seine Großeltern sind aus Odessa nach Amerika geflohen. Und er hat in Nürnberg darauf bestanden, dass sein Konzert auf dem "Reichstagsgelände" stattfindet. Er kennt seine Familiengeschichte, er sagte, auf diesem Gelände zu singen, zeige auch, dass Hitler verloren hat.

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