Kultur

Betriebsamkeit auf Kulturbaustellen

Die politischen Querelen um Volksbühnenchef Chris Dercon und Staatsballett-Intendantin Sasha Waltz gehen weiter

Mit Klaus Lederer (Linke) als neuen Berliner Kultursenator herrscht sofort wieder Betriebsamkeit auf den kulturpolitischen Baustellen. Auf allen Seiten gibt es Erwartungshaltungen, was jetzt passieren soll, wenn er im Dezember offiziell ins Amt kommt. Die Personalie des künftigen Volksbühnenchefs Chris Dercon wurde umgehend von Lederer infrage gestellt. Die Interessen der Berliner Millieus gehen weit auseinander, es sind – was die Volksbühne und das Staatsballett Berlin betrifft – auch alte ideologische Grabenkämpfe.

Bei den Angriffen auf Chris Dercon, der im Herbst 2017 Frank Castorf ablösen soll, geht es vordergründig darum, dass ein ausgewiesener Museumsmann ein Theater übernimmt. Dahinter verbirgt sich noch etwas anderes: Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ist genau genommen das letzte große linke Theater in Berlin. Jahrzehntelang hat es sich auch als Interessenvertreter des Ostens verstanden. Für die Linke ist es ein intellektuell wichtiges Haustheater. Mit Dercon, der sich angesichts der Angriffe gelassen zeigt, befürchten viele einen rigorosen Bruch. Dabei ist noch ungeklärt, ob sich Dercon nicht als Salon-Linker offenbaren wird. Umgänglicher als Frank Castorf ist er allemal.

Beim Streit um die neue Doppelintendanz von Sasha Waltz und Johannes Öhman beim Staatsballett treffen zwei Hochkulturen aufeinander: russisches Spitzenballett kontra deutsches Tanztheater. Die russische Ballettschule war in der DDR mit direkter Anbindung an Moskau gepflegt worden. Dagegen hat das Tanztheater, zu deren Aushängeschildern früher Pina Bausch in Wuppertal und heute Sasha Waltz in Berlin gehören, mehr oder weniger eine Anbindung ans Amerikanische. Als das Staatsballett vor gut zehn Jahren von Vladimir Malakhov gegründet wurde, stellte es sich – alles andere als erdrückend – in die russische Linie. Das rächt sich jetzt. Seit Jahren opponiert die unterbezahlte Tanzszene gegen das hochsubventionierte Ballett. Offenbar hat das osteuropäisch dominierte Staatsballett inzwischen an Unterstützern eingebüßt.

Der dreiköpfige Stiftungsrat der Berliner Opernstiftung, zu der das Staatsballett gehört, soll am Freitag die Ballettintendanz von Waltz und Öhman bekräftigt haben. Was offiziell noch unbestätigt ist. Aber damit wäre die Entscheidung vollzogen, bevor Klaus Lederer als Amtsträger in den Stiftungsrat berufen wird. Die Grabenkämpfe und Proteste werden weitergehen.

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