Kultur

Große Verwirrung und die Suche nach dem „dritten Weg“

Peri sitzt im Range Rover fest, für sie geht es nicht mehr vor, nicht mehr zurück. Megastau in Istanbul, es herrscht das Chaos. Sie ahnt weder, dass sie gleich ausgeraubt, noch, dass sie im Kampf um ihre gefakte Designerhandtasche in Lebensgefahr geraten wird.

Geht es Peri um die Tasche oder eher um das, was in ihr steckt: ihr einziges Erinnerungsfoto aus ihrer Studienzeit in Oxford? Die türkische Autorin Elif Shafak beantwortet diese Frage genauso wenig wie etliche andere in ihrem gerade in deutscher Übersetzung erschienenen Roman „Der Geruch des Paradieses“.

Der Überfall ist der Punkt, an dem die Vergangenheit in die Gegenwart einsickert. Bald wird klar: So selbstbewusst und stark wie an diesem ganz normalen Frühlingstag im Jahr 2016, der in einem Fiasko auf einer dekadenten Dinnerparty in einer Villa am Bosporus enden wird, ist Peri auf jeden Fall zuvor nicht gewesen. Mit Mitte 30 scheint sie sich eingerichtet zu haben in ihrem sorgenfreien Leben, ist Gattin, Mutter, kümmert sich um Arme, Alte und manchmal auch um verwahrloste Straßenkatzen. Sie gibt – zumindest in den Augen der anderen – das Bild einer „guten modernen Muslima“ ab. Ihr Problem: Sie weiß nicht wirklich, was eine „gute moderne Muslima“ überhaupt ist.

Vor dem Hintergrund der sich derzeit täglich zuspitzenden politischen Lage in der Türkei erzählt die 45-jährige Autorin Shafak, die heute mit ihrem Mann und ihren Kindern in London lebt, nicht nur die Geschichte einer jungen Intellektuellen, die nach eigener Identität, nach Wahrheit sucht, sondern zugleich die ihres Herkunftslandes, in dem Tradition und Moderne kollidieren, Weltanschauungen widerstreiten. Gibt es für ihre Antiheldin überhaupt einen „dritten Weg“ in einem System festgefahrener Dualitäten?

Das Ende ist offen. Es bleibt jedoch Peris Erkenntnis, dass nur zwischen den Polen, dem Ja auf der einen und dem Nein auf der anderen Seite, „die Geister aus ihrer Materie und der Verstand aus seinem Körper“ fliegen können. Ein lautes „Jein“, so formuliert Shafak ihr Plädoyer für eine pluralistische Gesellschaft. Tatsächlich ist ihr ein treffsicher formuliertes, tiefgründiges, manchmal verwirrendes, aber bis zuletzt spannendes Buch geglückt (die Autorin versteht sich bestens auf vage Andeutungen und Cliffhanging). Nach der letzten Seite klappt man diesen Roman am besten kurz zu und fängt ihn gleich wieder von vorne an.