Kultur

Auf einmal Wackelkandidat

Kaum steht der neue Kultursenator Klaus Lederer fest, beginnen die Angriffe auf Volksbühnenchef Chris Dercon

Der künftige Volksbühnenchef Chris Dercon ist gerade erst aus dem Flugzeug gestiegen, er war in Peking unterwegs. Jetzt ist er wieder in Berlin, wo er am Donnerstag als erstes eine Ausstellung in der Kunsthalle Unter den Linden miteröffnete. Eine Mail nach der anderen erreicht ihn, er schaut andauernd auf sein Smartphone und telefoniert. Der umstrittene Theaterintendant steht plötzlich wieder im politischen Fokus. Seine Berufung wird infrage gestellt. Denn seit Mittwoch steht fest, dass der neue Kultursenator Klaus Lederer heißt. Der Linken-Politiker hatte sich bereits im Wahlkampf mit der alten Volksbühne von Frank Castorf solidarisiert und Dercon eine „Fehlentscheidung“ genannt. Das Beste sei, so hieß es im Wahlkampf, den Vertrag wieder aufzuheben. Dercon schüttelt den Kopf, reagiert gelassen und wirft seinen orangefarbenen Schal locker um den Hals: „Das bin ich gewöhnt. Sie sehen meine Verfassung: entspannt und fröhlich.“

Mit Klaus Lederer habe er noch nicht gesprochen, sagt Chris Dercon. „Herr Lederer ist noch nicht vereidigt, meine Chefs sind nach wie vor Michael Müller und Tim Renner. Wenn Herr Lederer mit mir ein Gespräch führen möchte, werde ich das gerne tun.“ Dercon hat nicht vor, sich durch den neuen Druck in die Enge treiben zu lassen. Sein Konzept für die Volksbühne, die er im Herbst 2017 offiziell übernimmt, will er wie angekündigt im April oder Mai nächsten Jahres vorlegen. Nämlich dann, wenn das Programm steht. Ansonsten, sagt er, „spreche ich weiterhin mit den Mitarbeitern“.

Dass die Diskussion um die Personalie Dercon so schnell wieder in Gang gekommen ist, hat der designierte Kultursenator Klaus Lederer selbst verursacht. Am Donnerstag sagte er dem RBB-Inforadio: „Die Volksbühne hat ja durchaus eine Tradition unter anderem mit Brecht und Piscator. Diese Tradition auch weiter beleben zu können – da ist die Frage, ob das mit der Personalentscheidung von damals auf einem guten Weg ist.“

Zugleich deutete Lederer an, Dercon möglicherweise mit anderen Aufgaben zu betrauen. „Auf der anderen Seite hat auch Chris Dercon seine Fähigkeiten“, so Lederer. „Da wird man gucken müssen, wie alle an der Stelle, wo sie die Richtigen sind, auch das machen können, was sie machen wollen.“ Die Überlegungen liefen in Abstimmung mit dem bisherigen Kultursenator und Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD), so Lederer. Was schon verwundert. Ein Schulterschluss von Müller und Lederer gegen Dercon? Bislang haben der Regierende Bürgermeister und sein Kulturstaatssekretär Tim Renner das neue Modell für die Volksbühne verteidigt. Gegen eine andere Besetzung spricht auch, dass Dercon und sein Vorbereitungsteam bereits in Berlin sind und die Planungen auf Hochtouren laufen. Eine Rolle rückwärts in Sachen Volksbühne würde Berlin Unsummen kosten.

Chris Dercon will Konflikte mit offenem Visier führen

Dass es bei den Turbulenzen um seine Berufung an die Volksbühne letztlich um einen Ost-West-Konflikt geht, um Politik, dass sieht Dercon nicht so zugespitzt. Auch in London, wo er zuletzt Museumsdirektor war, sei es politisch gewesen, den Neubau zu bekommen. „Wir leben“, sagt er, „in Trump-Jahren. Der Konflikt und die Debatte gehören dazu. Mich hat immer interessiert, was neu ist, was ich nicht kenne, was unvorhersehbar ist. Und so ist es jetzt hier in Berlin. Diskussionen aber müssen offen sein, mit offenem Visier geführt werden, kein Versteckspiel darf stattfinden, sonst ist das nicht demokratisch.“

Das Gespräch mit Chris Dercon findet am Rande der Pressekonferenz zur Überblicksausstellung des indischen Künstlers Bhupen Khakhar, der in der Kunsthalle Unter den Linden gezeigt wird, statt. Es ist eine Kooperation mit der Tate Modern, dort hat der Museumsmann die Schau auch kuratiert. Es ist selbstverständlich, dass der Netzwerker Dercon nun seine britischen Kollegen und seine Nachfolgerin Frances Morris in Berlin begrüßt. Man merkt ihm an, dass er sich in dieser Runde wohlfühlt. Da ist der Theatermann noch ganz der Museumsexperte. Chris Dercon kann wunderbare Geschichten von Bhupen Khakhar erzählen. Ob diese Vermischung von Kunst und Theater nicht heikel ist? In solchen Kategorien denkt Dercon nicht, sein Kunstbegriff ist erweitert. „Die Tate hat viel mit Theater zu tun, die Volksbühne mit Kunst.“

Sein Theaterbegriff ist in Berlin auf viel Widerspruch gestoßen. Die Grünen-Kulturexpertin Sabine Bangert hat am Donnerstag einen Runden Tisch zur Zukunft der traditionsreichen Berliner Volksbühne gefordert. „Nötig ist eine einvernehmliche Lösung. Es muss Schluss sein mit Alleingängen“, sagte Bangert. Es sei verwunderlich, dass der designierte neue Intendant bisher noch kein Konzept vorgelegt habe. „Stattdessen müssen wir aus der Presse erfahren, dass er ein mobiles Theater am früheren Flughafen Tempelhof plant. Das ist ganz schlechter Stil.“

Klaus Lederer hat mehrere kulturpolitische Baustellen

Klaus Lederer wird eine Reihe von kulturpolitischen Baustellen übernehmen. Müller und Renner wollten Berlin auch den Stempel moderner Eventkultur aufdrücken. An der Volksbühne, wo Dercon sich mit ablehnenden Mitarbeitern auseinandersetzen muss, und beim Staatsballett brodelt es gewaltig. Die Tänzer des Staatsballetts lehnen die Berliner Tanztheater-Choreografin Sasha Waltz als Teil der neuen Führung ab der Spielzeit 2019 massiv ab. Und am Berliner Ensemble ätzt der scheidende Claus Peymann, sein Nachfolger Oliver Reese werde das Theater „auslöschen“.