Kultur

Exzellenter Beobachter

Fil Tägert lässt in seinem Roman „Mitarbeiter des Monats“ die 80er-Jahre aufleben – mit Witz und Tiefe

Man kommt an den beiden Schweinen nicht vorbei, wenn man etwas über dieses Buch schreiben will, an Didi und Stulle, den beiden seltsamen Freunden aus dem Märkischen Viertel. Deren Abenteuer hat Fil alias Philip Tägert viele Jahre lang in ungezählten Comicstrips erzählt. Dieter „Didi“ Kolenda ist ein pickelübersäter, fetter Eber mit schlichtem Weltbild und vielen Ressentiments, der seinem Kumpel Andreas „Stulle“ Stullkowski gern unterstellt, schwul zu sein, und dabei selbst oft unfreiwillig homoerotische Neigungen zu erkennen gibt.

„Stulle“ Stullkowski ist kleiner und ein bisschen klüger, aber in seiner Unterwerfung oft blind für die notorischen Lügen des Freundes. Didi geht zum Beispiel ins Pornokino und lässt sich davon zu der Legende inspirieren, er habe die dort gesehenen Szenen selbst erlebt. Als Stulle später selbst den Film sieht, denkt er nur: „Krass. Die haben Didis Leben verfilmt.“

Mit scharfem Blick enttarnt er die Leere des Geschwätzes

An diesem ungleichen Pärchen kommt man nicht nur deshalb nicht vorbei, weil es den 1965 in Tegel geborenen Fil über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt gemacht hat – neben seinem übrigens auch sehr empfehlenswerten Bühnenprogramm. Sondern weil es um dieselben Themen kreist, aus denen auch dieses Buch Witz und Tiefe bezieht: zwischenmenschliche Beziehungen im Allgemeinen und Männerfreundschaften im Besonderen. Fil ist ein exzellenter Beobachter der Absurditäten, die sich aus unserem Umgang miteinander ergeben, er hat einen sensationell scharfen Blick für die Löcher in der Kommunikation, die kleinen Ausflüchte, die Missverständnisse, die ganze gähnende Leere des alltäglichen Geschwätzes.

Ein Beispiel? Der Roman „Mitarbeiter des Monats“ handelt von einem sympathischen jungen Kerl namens Nick, der aus der Provinz nach Berlin gezogen ist und sich nebenbei Geld bei McDonald’s verdient, also Fleischjetons auf den Grill schmeißen und Pommeskisten schleppen muss. Im Beruf sieht er sich von seltsamen Gestalten umstellt, die ihm ungewollt erotische Avancen machen, seltsam autoritär auftreten oder nur mürrisch sind – wie sein Kollege Rainer, der sich seit Jahren ohne jede Erfolgsaussicht in dem Restaurant abschuftet. Eines Morgens will er ihn begrüßen: „Hei, sagte ich. Rainer schüttelte den Kopf. ,Hei‘ stimmte anscheinend nicht.“

Nick ist wohl am ehesten das, was man unbedarft nennen kann. Er lebt sein Leben relativ planlos, will den Job beim Burgerbrater eigentlich hinschmeißen, lässt sich aber vom windigen Manager des Ladens immer wieder zum Bleiben bewegen. Seine Bekannten tragen Namen wie Burner, Milbe oder Speichel. Es sind die 80er-Jahre, man muss sich als junger Mensch für eine ästhetische Mannschaft entscheiden, wenn man im Berliner Nachtleben etwas gelten will.

Aber Nick will in keiner Mannschaft spielen, jedenfalls nicht in einer der hergebrachten wie „New Wave“: „Wir waren die mit was in den Haaren. Für die ohne was in den Haaren, oder die ,Normalen‘, wie wir sie nannten, gab es andere Läden. ,Snoopydoopy‘, ,Eden‘, ,Flipper‘, ,Mama Santana‘ – was weiß ich. Die armen Normalen schienen überhaupt kein Konzept von den achtziger Jahren zu haben, in denen sie doch genauso leben mussten wie wir. Mit Schnurrbärten, Stirnbändern, bauchfreien Jeansjacken und Karottenhosen hantierten sie herum. Hilflos. Sie hatten vermutlich keine Ahnung davon, dass die Siebziger vorbei waren, aber das Einzige, was ihnen zu diesem neuen Jahrzehnt einzufallen schien, war: ,Kann man eh nicht verstehen, scheint aber irgendwie verrückt und unnormal zu sein, also warum sich nicht gleich zu einem rosahellblauen Irrwitz stilisieren und einfach mal abwarten?‘“ Der Aufbruch der Achtziger, seine merkwürdigen Vorlieben für Pastell und Neon, seine brutalen Frisuren, sein ganzes popkulturelles Arsenal an Scheußlichkeiten: Fil macht es wieder erfahrbar, und er lässt keinen Zweifel daran, dass es weniger lustvoll war, darin zu stecken, als es heute im verklärenden Rückblick erscheinen mag.

Die Treffen mit Frauen haben meist ein abruptes Ende

Sein Held taumelt auch von Frau zu Frau, mit denen er, Freuden des Singlelebens, die absurdesten Begegnungen hat. Sie schweigen grimmig in seiner Gegenwart, sie lassen ihn in ihrer Wohnung übernachten, aber nicht in ihrem Bett, sie machen jäh Schluss mit ihm wegen des Kumpels namens Speichel: „,Aber – hä? Speichel ist doch – ist er nicht ,ne totale Hohlbirne?‘ – ,Vielleicht. Aber vielleicht ist das für mich gerade gut.‘“ Kurz gesagt: Sie sind die seltsamsten Wesen der Welt. Die Stärke dieses Buches liegt darin, dass es die Erfahrungswelt eines jungen Mannes so unmittelbar nachvollziehbar macht – und dabei sehr lustig ist. Was als Nächstes geschieht, ist nie ganz klar, dafür sorgen auch die vollkommen unberechenbaren Ausflüge in die Groteske und den Horror, für die der Autor eine Vorliebe hat. Aber lustig oder seltsam oder beides: Das ist es immer. Dafür hat Fil einen sehr eingängigen Sound gefunden und zugleich der versunkenen Ära des alten West-Berlin seine Liebe ausgesprochen – ganz ohne klebrige Nostalgie. Denn jung zu sein, das ist ja kein Geschenk. Es kommt uns Älteren nur gern so vor.