Kultur

Bhupen Khakhar, Wanderer zwischen den Welten

Die Kunsthalle zeigt das Werk des indischen Künstlers

Das kleine Kabinett am Ende der Kunsthalle ist eine Art malerischer Panic Room. Hier zeigt der Künstler Bhupen Khakhar (1934–2003) auf seinen poppig-leuchtenden, drastischen Gemälden all das, was man eigentlich nicht sehen möchte: die Leiden und den Verfall eines an Prostata-Krebs leidenden Mannes. Er kämpft nicht nur gegen die Krankheit, sondern auch gegen den Verlust seiner Sexualität. Sein Partner hält ihn im Arm. 1999 fing er mit dieser Serie an, ein Jahr davor hatte er die Diagnose erhalten. Vier Jahre später war er tot. Es gibt wenige Künstler, eine Ausnahme ist Christoph Schlingensief, die ihre Krankheit so schonungslos und exzessiv dargestellt haben. Hier findet sich viel Melancholie, aber genauso viel schwarzer Humor, der es Khakhar wohl möglich machte, irgendwie zu leben.

Viele seiner Bilder wurden bis heute noch nicht in Indien gezeigt, und wenn, dann nur in Privatsammlungen. Khakhar, geboren in Bombay, spielt ungeniert mit schwuler Ästhetik. In der westlichen Kunstgeschichte spielt er keine Rolle. Jetzt sind seine Werke in der Kunsthalle Unter den Linden ausgestellt – eine weitere Kooperation mit der Londoner Tate Modern, noch entstanden unter Chris Dercon. Die Schau kommt aus London, wo Khakhar lebte, wenn er nicht gerade in Indien war. Ein Wanderer zwischen den Welten, der viel reiste und entsprechend viele Einflüsse aufnahm. „Ein Homoeroticus, sehr frei lebend und sehr provokant“, so beschreibt ihn Dercon, der ihn kannte.

Bei Bhupen Khakhar sieht man, wie eng Leben und Werk für ihn zusammenhingen. Freunde und Menschen um die Ecke, wo er lebte, die malte er. Hochkultur? Was scherte es ihn? Nächtliche, urbane oder ländliche, folkloristische Massenszenen – viel passiert in seinen Gemälden, die stets mehrere Geschichten erzählen. Grelle Farben, naive Figurationen – hier Pop Art, Expressionsmus, Comic, so mischte der Mann mit dem weißen Haar seine Bildertableaus. Er war breit aufgestellt, nichts, was er nicht machte. Keramik, Schüsseln, Köpfe, Collagen, Textilarbeiten, Zeichnungen, Gemälde, schrieb Theaterstücke. Und er malte Salman Rushdie und Rushdie schrieb einen Text über ihn. Rushdies Bildnis hängt in der National Portrait Gallery in London.

Kunsthalle Deutsche Bank, Unter den Linden 13–15, tgl. 10 bis 20 Uhr. Bis 5. März 2017. Kuratorenführung: heute, 18 Uhr