Konzert-Kritik

Wenn eine Exzentrikerin den Ton angeben will

Patricia Kopatchinskajas Konzert ist für den Hörer ein Experiment

Woran mag es liegen, dass die Geigerin Patricia Kopatchinskaja für ihre Interpretationen Neuer und Neuester Musik immer wieder bejubelt wird, als Beethoven- oder Tschaikowsky-Spielerin dagegen heftig umstritten ist? Der Grund dafür scheint einfach: Die österreichisch-moldawische Exzentrikerin, Jahrgang 1977, macht keinen Unterschied zwischen Peter Eötvös und Péter Tschaikowsky. Kopatchinskajas Devise heißt: maximales Abenteuer durch subjektive Umdeutung und spektakuläre Verfremdung.

Bei der Musik des 20. Jahrhunderts fallen ihre Willkürlichkeiten im Umgang mit dem Notentext kaum negativ auf – das Publikum hat diese Werke im Allgemeinen sehr selten im Konzert gehört. Was hier vor allem zählt, ist Kopatchinskajas ansteckende Spielfreude, eine mitunter bis zur Ekstase gesteigerte Lebendigkeit von hohem Unterhaltungswert.

Wenn sie dagegen ebenso frei und neuartig mit Repertoireklassikern wie Beethovens Violinkonzert verfährt, regt sich nahezu automatisch Widerstand. Denn Kopatchinskaja kümmert sich weder um traditionelle Hörerwartungen noch um Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis. Im Gegenteil: Sie spielt das Werk, als wäre es höchstpersönlich für sie geschrieben worden.

Und so klingt nun auch Schumanns Violinkonzert, ein Werk, das sie zu ihrem Einstand als „Artist in Residence“ ins Konzerthaus mitgebracht hat. Man könnte sich die Haare darüber raufen, wie wenig man hier von der eigentlich geschriebenen Musik mitbekommt. Man kann es aber auch als interessantes Experiment auf sich wirken lassen. Ein Experiment, bei dem der zerrüttete Geisteszustand des Komponisten so exaltiert in Klänge umgesetzt wird, dass man als Zuhörer ins Dauerschwimmen gerät.

Kopatchinskaja durchleidet den Kopfsatz mit geräuschhaft aufgerautem Geigenton. Irritierend, wie sie im Orchesterklang bis zur Unhörbarkeit untertaucht – auch wenn sie eigentlich gerade die Hauptstimme hat. Auf seltsame Weise gewollt wirkt auch das, was Chefdirigent Iván Fischer mit dem Konzerthausorchester macht: Die Musiker verwischen die recht traditionelle romantische Harmonik so sehr, dass man sie als Hörer kaum noch nachvollziehen kann. Wie stark sich Iván Fischers musikalische Auffassung von Kopatchinskajas Klangextremismus unterscheidet, wird bei jenen Stücken deutlich, an denen die Geigerin nicht beteiligt ist.

Zu Beginn des Abends dirigiert er Friedrich Cerhas zeitgenössische „Skizzen I-XI“ im Stil der 20er-Jahre – altmodisch, akademisch und auf nostalgische Weise vital. Noch nostalgischer geht es später in Beethovens Sinfonie Nr. 4 zu. Das Konzerthausorchester spielt hier so ausgewogen und reibungslos schön, dass man hinterher ganz benommen den Saal verlässt.