Kultur

Lieder für die Ewigkeit

Leonard Cohen ist tot. Er hat Jahrhundertsongs geschrieben, die der Popmusik ihre Beliebigkeit genommen haben

Er hat die Menschen mit seinen Liedern bewegt. Bei ihm ging es immer um das letzte Mal, um Abschied, um Verzicht, um den Zwist mit dem Dasein und den unaufhörlichen Kampf gegen die Resignation. Seine Songs waren gesungene Gebete voll dunkler Poesie, die doch immer auch Hymnen auf die Liebe waren. Sie machten Mut. Sie machten Hoffnung. Von „Suzanne“ bis „Hallelujah“. Jetzt ist der kanadische Sänger, Lyriker und Songschreiber Leonard Cohen im Alter von 82 Jahren gestorben. Im Oktober war mit „You Want It Darker“ sein neues, sein letztes Album erschienen. Ein musikalisches Testament, eine innige Zwiesprache mit Gott, eine Platte von tiefer Religiösität. Er wusste stets um die Vergänglichkeit des irdischen Lebens. Zuletzt lebte er in Los Angeles, in der Nähe seiner beiden Kinder Adam und Lorca.

Leonard Cohen wurde am 21. September 1934 in eine sehr wohlhabende, einflussreiche jüdische Familie in Westmount, einem Vorort von Montreal, geboren. Schon als Kind lernte er Gitarre spielen, einfach um, wie er gern sagte, die Mädchen zu beeindrucken. Doch Musik blieb für ihn lange eine Nebensache. Sein Ziel war es, Schriftsteller zu sein. Er veröffentlichte Bücher mit Lyrik und Prosa, das erste, „Let Us Compare Mythologies“, erschien bereits 1955.

Erinnerungen an gefährliche Nächte und Liebschaften

Der Erfolg von Bob Dylan brachte den Dichter Cohen in den 60er-Jahren dann doch auf die Idee, dass sich mit Liedern und Schallplatten mehr Geld verdienen ließe. Nachdem 1968 mit „Songs of Leonard Cohen“ die erste LP erschienen war, begann sich eine neugierige Hippiegeneration auch mit dem literarischen Werk zu beschäftigen, wie dem 1964 erschienenen Gedichtband „Blumen für Hitler“ oder dem kryptischen Roman „Das Lieblingsspiel“. 2011 bekam er den spanischen Prinz-von-Asturien-Preis für Literatur.

Lieder wie „Suzanne“, „Sisters of Mercy“ und „So Long, Marianne“ waren auf seinem Debüt zu hören. Es sind heute Erinnerungssongs. An frühe Liebschaften, an gefährliche Nächte, an Enttäuschungen, die ein einziges Lied lindern konnte. Die folgenden Platten „Songs from a Room“ (1969) und „Songs of Love and Hate“ (1971) festigten seinen Ruf als Songschreiber mit Liedern wie „Bird on the Wire“ oder „Famous Blue Raincoat“. Leonard Cohen wurde der rebellische, grüblerische, fragende Gegenpol zum laut aufbegehrenden Rockgeschäft.

In seiner mystischen Liederwelt ging es um Liebe und Hass, um Sehnsucht und Bitterkeit. Und immer wieder um die Faszination der Frauen. Es sind fragile musikalische Gebilde, die in ihrer Eingängigkeit geradezu schlagerhaft anmuten, sich mit ihren meist refrainlosen Melodien mit wohligen Mollklängen anschmiegen, um doch nur zu manifestieren: „There Ain’t No Cure For Love.“

Der Bohemien, der sich im New York der 60er-Jahre im Umfeld von Andy Warhols Factory herumtrieb, war auch ein exzessiver Trinker und Frauenheld, der seine Affären zu Liedern und Gedichten verschlüsselte, ein Gottsucher, der sein Heil später im Buddhismus fand.

Schon 1973 hatte Cohen verkündet, dass er sich vom Musikgeschäft zurückziehen wolle. Nur um ein Jahr später mit neuen Songs aus dem selbst gewählten Exil auf der griechischen Insel Hydra zurückzukehren und das Album „New Skin For The Old Ceremony“ einzuspielen. Doch als er sich Mitte der 90er-Jahre für fünf Jahre in das buddhistische Mount-Baldy-Kloster in 2000 Meter Höhe in den Bergen nahe Los Angeles verzog, schien Cohen für das irdische Entertainment endgültig verloren.

Während er aber auf dem Berg meditierte und seinem Zen-Meister Joshua Sasaki Roshi zur Seite stand, hatte Cohens damalige Managerin und zeitweilige Lebensgefährtin Kelley Lynch sein ganzes Vermögen durchgebracht. Um mehr als fünf Millionen Dollar soll es sich gehandelt haben. Es gab lange Gerichtsprozesse. Cohen gewann den Prozess. Doch alles war weg. Er brauchte Geld, um seinen Lebensabend zu finanzieren. So hatte der infame Raubzug der falschen Freundin sogar etwas Gutes. Denn Cohen stieg vom Berg und feierte seit Mitte der 2000er-Jahre sein großes Alterscomeback.

Er gab Konzerte voller Emotionalität, Endgültigkeit, Wahrhaftigkeit. Auch in Berlin war er mehrfach wieder zu hören. In der damaligen O2-Arena, in der Waldbühne. Im Juli 2013 gab er sein letztes Konzert. Der Mann in Anzug und Hut vereinte Kinder, Eltern und Großeltern um sich, wenn er einem Prediger gleich all seine großen Erfolge sang. Von „Dance Me To The End Of Love“ über „Take This Waltz“ bis zu „Hallelujah“, diesem mit biblischen Elementen spielenden Lovesong, in den er bei seinen Berliner Konzerten gern die Zeile „I didn’t come all the way to Berlin to fool you“ einfügte. „Hallelujah“ von 1985 ist eines seiner meist gecoverten Stücke. Es gibt Versionen von John Cale, Jeff Buckley, Rufus Wainwright oder Bob Dylan.

Leonard Cohen war einer der bedeutendsten Songschreiber unserer Zeit. Er hat Jahrhundertsongs geschrieben, die der Popmusik ihre Beliebigkeit genommen und ihnen Würde verliehen haben. Die Musikwelt trägt Trauer.