Kultur

Ilse Aichinger, die Dichterin der leisen Töne, ist gestorben

Sie war eine der wichtigsten Autorinnen der Nachkriegsliteratur

Eine immerwährende Todessehnsucht hat sich durch das Leben der Schriftstellerin Ilse Aichinger gezogen. Der Holocaust und private Schicksalsschläge prägten die zurückhaltende und medienscheue Autorin. Sie kapselte sich über die Jahrzehnte immer mehr von der Welt ab. Mit ihren dunklen Erfahrungen, die sie in geheimnisvoller Sprache zu Papier brachte, wurde die Wienerin zu einer der wichtigsten Vertreterinnen der Nachkriegsliteratur. Ihr Gesamtwerk ist überschaubar, aber umso gewichtiger. Am Freitag ist die Autorin mit 95 Jahren gestorben.

Besonders gezeichnet hat die Lyrikerin mit jüdischen Wurzeln die Zeit des Zweiten Weltkriegs in Wien. Dabei sei nicht das Grauen des Hitler-Regimes das Schlimmste gewesen. „Der Krieg war meine glücklichste Zeit“, sagte Aichinger einmal der Wochenzeitung „Die Zeit“. Die Hoffnung habe da noch gelebt, das böse Erwachen sei erst später gekommen.

Auf merkwürdige Weise dunkel, dabei irritierend lyrisch wirken viele ihrer Texte. Auf die Tiefe und die Intensität der Dinge richtet sie ihre Aufmerksamkeit und schafft dabei Bilder von poetischer Dichte und gleichzeitig analytischer Schärfe.

Ihre Arbeit bezeichnete Aichinger, die schon viele Jahre vor ihrem Tod nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten ist, als Tarnkappe. „Schreiben kann eine Form zu schweigen sein“, sagte Aichinger einst. Das Leben sei eine „absurde Zumutung“. „Ich habe es immer als eine Zumutung empfunden, dass man nicht gefragt wird, ob man auf die Welt kommen will. Ich hätte es bestimmt abgelehnt“, sagte sie der „Zeit“.

Geboren wurde Aichinger 1921 in Wien. Sie verbrachte die Kriegsjahre mit ihrer jüdischen Mutter in einem kleinen Zimmer. Die Deportation der Großmutter und die schikanöse Behandlung durch die Wiener Behörden nach Kriegsende prägten traumatisch ihre Empfindungswelt. 19 Jahre war das „Gruppe 47“-Mitglied mit dem Autor Günter Eich verheiratet und bekam zwei Kinder. Die Familie wohnte lange in Salzburg gemeinsam mit Aichingers Mutter. Die Villa zog stets viele Besucher an. Nach außen blieb das Ehepaar aber verschlossen.