Kultur

Wo das deutsche Kunstlied frech gekapert wird

„Get lost in November“ im Studio R des Gorki-Theaters

Ein Mann am Klavier, eine Sängerin daneben, der Pianist schlägt die bekannten Töne an, sie singt „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“ Franz Schuberts „Winterreise“ nach dem Gedichtzyklus von Wilhelm Müller wird gegeben. Wohlige Vertrautheit stellt sich ein, doch dann bricht die Sängerin ab, mag das nicht mehr singen. Nicht so.

Im kleinen Studio R des Maxim Gorki Theaters nimmt sich ein fünfköpfiges Ensemble die „Winterreise“ vor und interpretiert unter dem Titel „Get lost in November“ die Zeilen über den Wanderer, der niemals ankommt und immer und überall der Fremde bleibt, vor dem Hintergrund der eigenen Biografien und Lebenswelten neu. Wenn Hasan Taşgin das Lied von den gefrorenen Tränen singt, dann macht er das im türkischen Arabesk-Stil mit vielen Ornamenten und ordentlich Schmelz in der Stimme. Dieses orientalische Pathos verträgt sich mit dem romantischen Liedgut erstaunlich gut. Auch textlich erweist es sich als sehr gegenwartskompatibel. In „Das Wirtshaus“ heißt es: „Sind denn in diesem Hause/Die Kammern all besetzt?/Bin matt zum Niedersinken/Und tödlich schwer verletzt“. In den Gesang des Erschöpften ruft hier einer auf der Bühne „Inge, machste mir mal zwee Futschi?“

Im Hintergrund flimmern auf vier- bis fünfstöckig gestapelten weißen Pappkisten Berliner Stadtbilder, Wohnblockschluchten, eine Straßenbahn. Der Rapper Volkan T. gibt am Mischpult den DJ, mixt Alltagsgeräusche und Tonspuren zusammen. Technorhythmen, Rap, Sehnsuchtspathos, die „Winterreise“ macht ganz schön was mit, aber sie verträgt es gut. Es fügt sich all das noch nicht ganz nahtlos zusammen, es hätte eine straffere Dramaturgie gebraucht um das Ganze von einem sympathischen Konzert in ein echtes Theaterkonzept zu überführen. Aber vielleicht muss es das auch gar nicht werden, das kleine Studio R ist der genau richtige Ort für so ein Experiment, in dem das deutsche Kunstlied frech gekapert wird. „Ein Ort“, so heißt es schließlich in der standortbestimmenden Selbstbeschreibung, „an dem der Übergang von Diskurs zu Disko fließend ist.“

Maxim Gorki Theater, Studio R, Hinter dem Gießhaus 2, Kartentelefon: 20 221 115. Termine: 8.12. und 9.12., 20.30 Uhr.