Ausstellung

Von der Spree an die Themse

Das Bauhaus-Archiv zeigt Fotografien von Lucia Moholy aus ihrer Londoner Zeit nach 1933

Schräger Schnitt: So fotografierte Lucia Moholy das Health Centre Peckham in Londo

Schräger Schnitt: So fotografierte Lucia Moholy das Health Centre Peckham in Londo

Foto: Bauhaus-Archiv_(c)VG-Bild-Kunst. / BM

Meine Güte, die Frau guckt aber streng und dominant. Kein Hauch von Fröhlichkeit ist in ihrem ernsten Gesicht zu entdecken. Die Haare hat Lucia Moholy (1894–1989) straff nach hinten gesteckt, die Bluse hoch zugeknöpft mit einer Schleife drumherum wie ein Schlips. Ob die Künstlerin sympathisch war, wer weiß das schon?

Wir wissen nur, dass sie eine jener Biografien hat, die typisch sind für die Wirren der 20er- und 30er-Jahre. Studiert hatte sie in ihrer Heimatstadt Prag, Philosophie- und Kunstgeschichte. „Immer dieselben 20 Gesichter“, schrieb sie 1915, „und ich wollte doch so furchtbar gerne fort.“ Das macht sie, 1920 geht sie nach Berlin, arbeitet dort als Lektorin in verschiedenen Verlagen, lernt hier ihren Mann László Moholy-Nagy kennen, mit dem sie gemeinsam im Bereich der Fotogramme experimentiert. Mit ihm geht sie von 1923 bis 1928 ans Bauhaus in Weimar und Dessau. 1929 allerdings trennen sich die beiden.

Sie lehrte an der Ittenschule in Berlin

Der bekannte Bauhausmeister feierte sich mit seiner „Lichtgestaltung“, sie dagegen blieb dezent im Hintergrund mit ihren Bildern, die sie eher als Gebrauchsfotografie definierte. Vielleicht auch, weil sie ihre Ehe vor Konkurrenzdruck schützen wollte. Dabei haben ihre Architekturfotos des Bauhauses und der Meisterhäuser inklusive der Bauhaus-Produkte das Image der Design- und Kunstschule international geprägt wie keine anderen. Die Bilder des schönen Kaffee- und Teeservices von Marianne Brandt beispielsweise stammen von ihr. Übrigens leitete sie – nach der Trennung von ihrem Mann – als Nachfolgerin von Umbo die Fotoklasse der Ittenschule in Berlin.

Nun widmet das Bauhaus-Archiv ihr eine kleine, dennoch breitgefächerte Schau – mit Schwerpunkt auf ihren englischen Jahren. In Englisch veröffentlichte sie dort ein Standardwerk zur Fotogeschichte „A Hundred Years of Photography, 1839–1939“, das jetzt neu aufgelegt und ins Deutsche übersetzt wurde. Das London-Thema dürfte wenigen bekannt sein. Moholy emigrierte 1933 aus Berlin über Prag, Wien und Paris nach London, wo sie ab 1934 bis 1959 leben sollte. Ihr Nachlass gehört in den Fundus des Bauhaus-Archivs.

Überrascht stehen wir vor den pittoresk-romantischen Stadtansichten, schauen auf das im Nebel eingetauchte „House of Parliament“ und jenes Ausflugslokal, von dem einzig die schräg gekippten Sonnenschirme zu sehen sind. Diese Fotos sind anders als die „disziplinierten“, neusachlichen Bauhaus-Bilder.

Von eigenwilliger Anmutung sind auch ihre sorgfältig ausgeleuchteten Porträts. Einprägsam, weil Lucia Moholy nicht schmeichelte, sondern fotografierte, was sie an der jeweiligen Person als besonders empfand. Emma Countess of Oxford zeigt sie im kantigen Profil, die Haare sehen eher aus wie eine Wollmatte, Kinn und Nase sehr männlich – vermutlich war die Countess eine starke Frau. Markant, individuell, nur nicht schön. Die Countess war „not amused“ über die Darstellung. Kurios, das Foto verschaffte Moholy den Zugang in Londoner Adelskreise, wo sie zur gefragten Fotografin avancierte. Manchmal ist Schönheit nicht alles.

Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstr. 14. Mi.–Mo., 10–17 Uhr. Bis 27.2.2017