Konzert in Berlin

Die Kleine mit der großen Stimme: „Mehrling au Bar“

Zurück aus Wien gibt Katharine Mehrling einen persönlichen Abend in der Bar jeder Vernunft. Und singt ein Duett mit ihrer Mutter.

Katharine Mehrling animiert das Publikum

Katharine Mehrling animiert das Publikum

Foto: DAVIDS/Dummer

Sie füllt längst die großen Bühnen. Gerade lag ihr Wien zu Füßen, bei „Evita“. Und davor Berlin, in der Komischen Oper, bei „My Fair Lady“. Und bei einem Chansonabend zu Édith Piafs 100. Geburtstag, mit großer Band.

Aber immer wieder kehrt Katharine Mehrling, Wahlberlinerin seit 14 Jahren, in die kleine Bar jeder Vernunft zurück. Die hat ihr Glück gebracht. Hier hat sie die Sally Bowles gespielt. Hier hat sie Solo-Programme wie „Piaf au Bar“ gegeben. Hier, in dem intimen Rahmen, weiß sie sich ganz nah bei ihrem Publikum. „Ich kann Sie förmlich riechen“, meint sie kokett bei der Premiere am Dienstag.

Sie riecht Poison Hypnotic von Dior, meint auch das KaDeWe zu wittern. Sie riecht Obsession von Calvin Klein, aus den Galeries Lafayette. Und – Spaghetti aglio e olio, Spandauer Arcaden.

Der arme Mann in der ersten Reihe, aus der sie das zu schnuppern meint! Ihn spricht sie persönlich an. Selber schuld: Man sitzt ja besser nie ganz vorn. Reiner heißt der Mann, sie mag ihn aber lieber Harald nennen. Die Sängerin braucht jemanden zum Ansingen. Und sie wird auf Reiner, also Harald, immer wieder zurückkommen an diesem Abend.

Spaziergang durch eine ganze Karriere

Es ist ein ganz persönlicher Abend. Der nicht mehr nur einer Person wie der Piaf gewidmet ist. Diesmal geht es um sie selbst. „Mehrling au Bar“ heißt selbstbewusst das Programm, in dem vier Musiker sie begleiten.

Und es ist wirklich ein einziger Spaziergang durch die Karriere der 42-Jährigen, den sie erst ganz leger im Hemd mit Hosenträgern antritt und nach der Pause im modischen schwarzen Glitzerkleid fortsetzt. Natürlich sind die Chansons des großen Vorbilds Édith Piaf dabei, auch von Charles Aznavour. Und ein Schlager von Udo Jürgens.

Wegen ihrer jüngsten Wien-Zeit finden sich sogar ein paar Schmäh-Schnulzen wie „Wien, nur du allein“. Dazu Eigenkomponiertes wie „No No No“, ein Song, den sie vor 14 Jahren das erste Mal gesungen hat, auch in der Bar, wobei ihr nun selbst ein Schauer über den Rücken streicht.

Es gibt sogar, kurz vor der Pause, ein ganzes Karriere-Medley, mit dem sie sich noch mal durch all ihre Partien zappt, in denen sie zu sehen und zu hören war: in Musicals wie „Cabaret“, „Les Misérables“, „Funny Girl“, „Dreigroschenoper“, „Irma la Douce“ und viele mehr.

Alte Weisen in neuem Sound

Aber sie singt nicht nur die alten Weisen. Sie erfindet sie neu für diesen Abend. Macht etwas ganz Anderes, Eigenes daraus. Aznavour klingt nicht nach Aznavour, Udo Jürgens nicht nach Udo Jürgens.

Alles wird vermehrlingt. „Wein nicht um mich, Argentinien“ etwa als Flamenco, nur mit Gitarre begleitet oder „I Love Paris“ als Chat-Gesang: Das verschafft den alten Melodien ein ganz neues, frisches Hörerlebnis.

Die Stimme dieser Frau ist unglaublich. Dieses Timbre, das immer ein bisschen verraucht, ein bisschen heiser klingt, als ob ihr gleich der Ton wegrutscht. Dann aber beltet sie, im Gegenteil, richtig los. Und bringt das Zelt zum Vibrieren. Immer und immer wieder.

Keine Ahnung, wo diese kleine, zierliche Person (sie misst, das ist überall nachzulesen, nur 1,55 Meter) das hernimmt. Von Gold in der Kehle zu sprechen, wäre ein schales Klischee. Und untertrieben obendrein. Da verbirgt sich eine ganze Goldader.

Postumes Duett mit der eigenen Mutter

Aber auch wer Katharine die Große schon kannte, als sie noch ein dauernder Geheimtipp war, als sie den Stars ihrer Produktionen die Schau gestohlen und sie an die Wand gesungen hat – auch der Mehrling-Fan lernt noch mal eine neue Seite an ihr kennen. Ihre Mutter nämlich. Die war ihr anderes Vorbild, neben der Piaf. Auch die ist früher mal in einer Bar aufgetreten. Als Grit von Osthe.

Mit dem Namen Mehrling, meinte die, käme man nicht weit. Auch wenn dann alle dachten, sie käme aus der Zone und nicht aus dem 5000-Seelen-Kaff Ostheim. Die Tochter ist, wie sie erzählt, in der Bar ihrer Eltern aufgewachsen.

Und habe von Anfang an diese Luft geschnuppert, von Schnitzelfett, abgestandenem Bier – und Rampenlicht. Die Musikkneipe lag direkt unter ihrem Zimmer. Sie hat da immer ihre Mutter gehört. Und die hat in den 60er-Jahren auch selbst einmal Lieder aufgenommen.

Der ganze Saal singt mit

Eines davon ist nun aus dem Off zu hören, das Kratzen einer alten Schallplatte inklusive. Die Stimme klingt ganz ähnlich. Die Tochter auf der Bühne taucht dabei erst mal in den Schatten ab. Eine große, stille Verneigung.

Dann aber übernimmt sie die zweite Strophe. Und singt, wenn auch nur kurz, im Refrain mit der eigenen, vor 15 Jahren gestorbenen Mutter. Von allen persönlichen Momenten ist dieser der intimste, bei dem das Publikum kaum noch zu atmen wagt.

Sie hat ihren Weg gemacht, die kleine Dame mit der großen Stimme. Sie weiß nicht nur mit ihrer kraftvollen Stimme zu überzeugen. Mittlerweile hat sie auch gelernt, das war in früheren Programmen noch ein kleiner Schwachpunkt, charmante Conférencen zu halten, mit denen sie ihr Publikum gleichfalls um den Finger wickelt.

Davon weiß nicht nur Harald aus der ersten Reihe ein Lied zu singen. Bei „Milord“ singt am Ende das ganze Zelt mit. Furioser Abschluss eines fulminanten Abends.

Bar jeder Vernunft, Schaperstr. 24, Wilmersdorf. Tel.: 883 15 82. Weitere Termine: 10.–13. und 16.–20. November, 20 Uhr.