Kultur

Band Wilco reißt Konzertbesucher von den Sitzplätzen

Musiker um Sänger Jeff Tweedy brillieren im Tempodrom

Es ist sehr dunkel, als Jeff Tweedy die Bühne des Tempodroms betritt. Um den Sänger und Songwriter der Band Wilco aus Chicago herum steht der Wald – ein Bühnenbild wie aus einem Wandertheater, halb naiv, halb surreal in seiner gemalten Plastizität. Tweedy singt ein Stück der neuen Wilco-Platte „Schmilco“, begleitet nur von Gitarrist Nels Cline, ruhig und schlicht: „I was high as high can get / always afraid of those normal American kids.“

Was vielleicht nur ein Lied über eine Außenseiterjugend in Belleville (Illinois) ist, kann man an diesem Abend nicht anders denn als politischen Kommentar hören. Muss man zur Zeit nicht tiefe Angst haben vor Menschen, die meinen, sie seien die normale Bevölkerung – in den USA und überall? So kommt in Tweedys Texten das Größere, Gewichtigere oft daher: versteckt in scheinbar simplen Szenen.

Dieses Unterstatement spiegelt sich auch in der Show der Band wider: keine aufwendigen Inszenierungen oder Kostümierungen. Tanzeinlagen eh nicht. Tweedy steht in Jeansjacke und Ringel-T-Shirt, Bart und Brille, beschattet von einem weißen Hut, etwas hüftsteif am Mikrofon, und macht, was er macht: Musik. Seine Stimme ist eine der markantesten der aktuellen Rockmusik. Man bekommt sie einfach nicht mehr aus dem Kopf. Und die sechsköpfige Band besteht, logisch, nicht nur aus technisch brillanten Musikern, sie spielen auch live gemeinsam wie ein einziger Klangkörper.

Nicht ganz klar ist, warum das Tempodrom am Anhalter Bahnhof für diesen Abend bestuhlt wurde. Was als ruhiges, intimes Folk-Konzert beginnt, schraubt sich innerhalb weniger Stücke zu heftiger Energie hoch. Schon bei „Trying to break your Heart“ schießen Feedbacks und Gewitterlicht durch den Theaterwald. Und plötzlich sind da Menschen vor der Bühne. Viele strömen nach, viele stehen. Und Tweedy bedankt sich dafür: So sei das viel besser, sagt er.

Jetzt greifen Wilco tief in die Truhe ihrer eigenen Geschichte, kontrastieren die bewusst einfachen Songs von „Schmilco“ mit den federnden Beats von „Misunderstood“, dem herzzerreißenden „Jesus, Etc.“ oder dem fast fröhlichen „I’m always in Love“. Sie spielen eine abgeklärte Version von „Reservations“ und verschneiden das epische „Via Chicago“ mit blühendem Krach. Als sie nach fast zwei Stunden „Impossible Germany“ als langes, bluesinformiertes Gitarenduell zwischen Tweedy und Cline zelebrieren, „I’m the Man who loves you“ in bester Lynyrd-Skynyrd-Erdigkeit in den Saal brätzen, ist auch auf den Sitzplätzen Headbangen angesagt.

Zum Schluss gibt es „Hummingbird“ zu hören – und perfekter kann man einen Popsong nicht schreiben: mit Drive, Transparenz und Poesie. Tweedy nimmt seinen Hut ab, hält ihn sich beim Singen vors Herz. Drummer Glenn Kotche ist nach der letzten Zugabe durchgeschwitzt, sieht aber glücklich aus.