Kultur

Entdeckungstour in Schtetl und Großstadt

Die Jüdischen Kulturtage geben eine Lehrstunde in Sachen Humor

Bei dem Tucholsky-Abend „Lerne lachen ohne zu weinen“ gibt es einen Running Gag. Zwischendurch öffnet sich ein Vorhang neben der Bühne im Renaissance-Theater, ein grauhaariger Kopf schaut kurz hervor und erzählt einen Witz. Es erinnert ein wenig an die Muppet Show. Gerhard Kämpfe, Intendant der Jüdischen Kulturtage, ist ein begnadeter Witzeerzähler. Die Pointen sitzen. Es sind die Momente, in denen das Publikum am lautesten lacht. Kämpfes Witze sind zugleich auflockernde Kommentare zum fast dreistündigen Programm rund um den jüdischen Humor.

In den jüdischen Witz mag man viel Hintergründiges hineindeuten, aber natürlich werden auch vertraute Klischees bedient. Viel Raum bekommt an diesem Abend mit Texten von Lena Gorelik („Lieber Mischa“) und Oliver Polack („Ich darf das, ich bin Jude“) etwa die Mutter, die ihren Sohn nicht loslassen kann und irgendwann Schwiegermutter werden muss. Eine jiddische Mamme fragt ihren Sohn, erzählt Kämpfe, ob er denn ein Mädchen hätte? Der sagt, er bringe vier Freundinnen mit zum Abendessen, und die Mutter solle doch herausfinden, wer seine Auserwählte sei. Die Rothaarige sei es, sagt die Mutter anschließend. Der Sohn fragt, woran sie es gemerkt habe. Die Mutter: Ich hab’ sie gleich gehasst.

Schauspielerin Nadine Schori hat ein Programm aus Musik, älteren und neuen Texten und Witzen zusammengestellt, das ebenso unterhaltsam, nachdenklich wie warmherzig ist. Ein Talmud-Leitsatz, wonach Gott mit seinen Geschöpfen und nicht über sie lacht, schwebt über dem Abend. Kein Geschöpf wird vorgeführt, dafür gibt es viel Selbstironie zu erleben. Der Abend lebt nicht allein von seinen professionellen Interpreten, die offenbar auch manches vom Blatt spielen, sondern vor allem davon, dass sie sich selbst in dieser jüdischen Gedankenwelt wiederfinden wollen. Manchmal geht es sehr familiär zu. Am deutlichsten wird das bei der Schauspielerin Anna Thalbach, die Texte ihres Vaters Thomas Brasch, darunter ein Geburtstagsmärchen für seine kleine Tochter, auf berührende Weise vorträgt. Virtuos präsentiert sie Braschs sich überschlagenden „Regelmonolog“.

Darüber hinaus wird viel gejiddelt im Renaissance-Theater. Der Berliner Sänger Karsten Troyke lässt in seiner ganz eigenen Lässigkeit eine Schtetl-Folklore aufleben, er schafft es, das Publikum irgendwann zum Mitsingen zu bringen. Chansonsängerin Sharon Brauner ist für den einst mondänen Großstadtsound zuständig. Den beiden Sängern und der Band hört man gern zu.

Das Tief- und Abgründige bleibt vor allem Schauspieler Udo Samel vorbehalten. Zu einem Highlight wird Woody Allens „Der Tod klopft“, es ist schwarzer Humor. Filmschauspieler Ingo Naujoks soll als etwas unbeholfener Tod, der seinen ersten Kunden hat, einen reichen New Yorker abholen. Udo Samel als Nat Ackerman schafft es in seiner klugen, ruhigen Art, den Tod zu verwirren, in ein Spiel zu verwickeln und Lebenszeit zu gewinnen. Auf sehr diesseitige Weise befrotzeln sich Anna Thalbach und Nadine Schori in Karl Farkas’ „Frauen unter sich ...“ Das Publikum geht am Ende angekichert nach Haus.