Film

Einer der schönsten deutschen Filme übers Erwachsenwerden

„Die Mitte der Welt“ handelt vom Sturm der Gefühle. Vom Andersfühlen als Teenager. Und erzählt das alles so leicht wie selten.

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Foto: Universum

Nach zwei Wochen Sommercamp ist plötzlich alles anders und Phil (Louis Hofmann) versteht die Welt nicht mehr. Teile des Dorfs sind von einem Sturm verwüstet, seine Zwillingsschwester Diane (Ada Philine Stappenbeck) und ihre alleinerziehende Mutter (Sabine Timoteo) reden kein Wort mehr miteinander. Was ist passiert in den paar Wochen?

Der 17-jährige hat kaum Gelegenheit, sich zu wundern, denn das neue Schuljahr beginnt und hält eine noch viel aufregendere Überraschung bereit. Nicholas (Jannik Schürmann) kommt neu in die Klasse und Phil verliebt sich Hals über Kopf in den Jungen. Nur seine beste Freundin Kat (Svenja Jung) rät ab. Der Typ sei echt merkwürdig. Phil lässt sich davon nicht abhalten und verheimlicht ihr erst mal, dass er und Nicholas sich näherkommen.

„Die Mitte der Welt“ erzählt vom Aufwachsen in der Provinz, eine hinreißende Jugendgeschichte, die so gar nichts von üblichen ComingOut-Filmen hat. Dass Phil schon früh weiß, dass er auf Jungs steht, ist nie ein Problem, in der Familie nicht und schon gar nicht im Film. Es ist selbstverständlicher Teil der Handlung, das macht Jakob M. Erwas Film so entspannt.

Der österreichische Regisseur adaptiert damit einen frühen Roman des Jugendbuchautors Andreas Steinhöfel, dessen „Rico, Oskar“-Bücher auch im Kino längst Millionen begeistern. Steinhöfels Roman von 1998 war eine Offenbarung, so locker und empathisch hatte im deutschsprachigen Raum noch keiner über die jugendliche Gefühlsachterbahn geschrieben. Der junge Held ist schwul, aber im Grunde erkennt sich in ihm jeder wieder, der die Wirrungen des Erwachsenwerdens erlebt und sich dabei unverstanden fühlt. Erwa bringt diese Geschichte nun ebenso bezaubernd und berührend auf die Leinwand.

Anders als in vielen Filmen über die Nöte des Erwachsenwerdens hat Phil keine offensichtlich existentiellen Probleme wie Armut, Drogen oder Missbrauch. Mit seiner flippigen, etwas verpeilten Mutter Glass und Schwester Diane wohnt er in einer Art Villa Kunterbunt am Rande der Stadt, immer wieder ziehen auch Mamas wechselnde Liebhaber ein und aus. Alles ist lässig und ein bisschen gaga.

Aber genau diese Freiheit ist es, die Phil irritiert. Er ist auf der Suche nach Halt, sein Gefühlshaushalt ist chaotisch genug. Er will die Mitte seiner Welt finden. Die ist laut seiner Mutter „für jeden woanders, je nach dem wo man steht und was einem wichtig ist“. Nicht sehr hilfreich, wenn man selbst den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.

Und dann ist da noch die große Leerstelle im Leben der Zwillinge. Ihren Vater haben Phil und Diane nie kennengelernt, Glass schweigt sich beharrlich aus. Und auch Nicholas, der Phils Gefühle zu erwidern scheint, bleibt ihm lange ein Rätsel. Erwa findet für dieses Gefühlswirrwarr immer wieder brillante visuelle Einfälle. Mit leichthändiger Balance ist ihm einer der schönsten deutschen Filme über die Höhen und Tiefen des Erwachsenwerdens gelungen.