Kultur

Caro Emerald und die unverschämte Eingängigkeit ihrer Songs

In der Columbiahalle holt die holländische Retro-Pop-Diva das 2015 ausgefallene Konzert nach. Das Publikum bleibt da nicht lange sitzen

Wer im rechten Block sitzt, hat zu Beginn Pech. Die voll bestuhlte Columbiahalle ist ausverkauft, als Caro Emerald am Sonntagabend ihr Ende 2015 ausgefallenes Berlin-Konzert nachholt. Mit „The Other Woman“ eröffnet die Retro-Pop-Diva den Abend, hoch droben auf dem Balkon der Columbiahalle. Ihre sechs Musiker stehen auf der Bühne, man hört Emerald singen. Nur sehen können sie die, die auf der rechten Seite sitzen, noch nicht.

Was sich aber schon bald ändern wird. Und von wegen Diva. Die dem Chic der 50er-Jahre verfallene Sängerin steht in einer Art Sporthose, silberglänzender Bluse und Baskenmütze auf der Bühne. Keine Kostümwechsel, keine Showtreppe, keine pompösen Posen. Lässig und natürlich setzt die Holländerin ganz auf die Kraft ihrer Stimme und die geradezu unverschämte Eingängigkeit ihrer zwischen Elektro-Swing und Latin-Pop pendelnden Songs. Die 35-Jährige hat in den vergangenen sechs Jahren samt Babypause eine steile Karriere hingelegt. Nach einem Jazzgesang-Studium am Conservatorium van Amsterdam, das sie 2005 abgeschlossen hatte, landete sie als Gesangscoach bei der niederländischen Version von „Deutschland sucht den Superstar“ und durch Zufall im Studio dreier Produzenten, die ihr Potenzial erkannten.

Die Songs der Hit-Alben „Deleted Scenes From The Cutting Room Floor“ und „The Shocking Miss Emerald“ bestimmen den Abend. „Ich freue mich so sehr, dass ich heute Abend hier sein kann“, ruft sie zur Begrüßung. Ihren ­ersten Hit „Back It Up“ singt sie gleich als drittes Stück, gefolgt von der neuen pulsierenden Elektro-Swing-Nummer „Quicksand“. Der Sound ist erstaunlich gut, das Bühnenbild bis auf ein paar ­Projektionen im Hintergrund eher schlicht.

Man könnte Caro Emerald vorwerfen, dass ihre Songs ein wenig wie am Reißbrett geplant daherkommen. Hier eine Prise Duke Ellington, da ein Schuss Shirley Bassey, ein bisschen Sixties-Agentenfilm-Soundtrack, ein bisschen Twang-Gitarren und Melodien, die so eingängig sind, dass sie einem sofort vertraut vorkommen. Doch wie sie das macht, ist so gewieft wie versiert. Und wie sie die Popsongs mit ihrer jazzgeschulten Stimme veredelt, ist durchaus beeindruckend.

„Lipstick On His Collar“ beispielsweise beschwört Morricone-Atmosphäre. Bei „Dr. Wanna Do“ erweisen sich zwei Musiker als fußflinke Eintänzer. Längst hält es auch das Publikum nicht mehr auf den Sitzen. Man fragt sich, weshalb der Saal überhaupt bestuhlt sein muss. Bei „Liquid Lunch“, diesem pumpenden Elektro-Swing-Kracher, ist die ganze Halle auf den Beinen.

Die Band ist bestens aufeinander eingespielt. Interessant, dass es kein klassisches Schlagzeug gibt. Für die treibenden Grooves sorgt Remon Hubert an Laptops, mit Samples, mit Loops, aber auch mit Percussion und Marimba.

Und mittendrin die charmante Miss Emerald, die so gar nicht shocking ist, sondern auf sympathische Weise musikverliebt. Was sich auch daran zeigt, wie wunderbar sie Meghan Trainors „All About That Bass“ covert. Mit dem energiegeladenen „Stuck“ geht diese Begegnung mit einer außergewöhnlichen Sängerin zur Neige.

Aber natürlich gibt’s zur Zugabe noch den Klassiker „A Night Like This“, jenen im Fifties-Schlager-Stil gehaltenen Hit, mit dem Caro Emerald auch die deutschen Charts erobert hatte. Und kaum hat sie die Bühne verlassen, sitzt sie hinten in der Halle am Merchandise-Stand und gibt Autogramme auf Poster, Platten und Postkarten. Den Fans ganz nah. Ein Star zum Anfassen.