Berliner Komponist

„Und wat is mit Operette?“: Auf den Spuren von Paul Lincke

Vor 150 Jahren wurde Paul Lincke geboren. Sein Werk wird bis heute in Berlin lebendig gehalten. Besonders von seiner Großnichte.

Paul Lincke 1938 bei einer Auführung seiner Operette "Frau Luna" in Berlin

Paul Lincke 1938 bei einer Auführung seiner Operette "Frau Luna" in Berlin

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Drei Versuche, und alle gehen daneben: „Schriftsteller?“, „Zeichner?“ und: „Mit Geschichte kenne ich mich nicht so aus“, sind Antworten, die man am Paul-Lincke-Denkmal in Kreuzberg von Passanten auf die Frage erhält, wer bitteschön der steinerne Herr dort mit dem sorgfältig gezwirbelten Schnurrbart ist. Vor 120 Jahren hätte es jeder Kutscher, Zeitungsjunge, Kohlenmann gewusst. Paul Lincke war ein internationaler Popstar, der Ladies-Man von der Spree und Songwriter der „Berliner Luft“. Vor 150 Jahren, am 7. November, kam er zur Welt. Von den Kindern einer Schule in Prenzlauer Berg bis zu seiner 91 Jahre alten Großnichte in Lichterfelde-Ost wird sein quietschbuntes Werk auch an den verbleibenden Tagen des Jahres ideenreich in Erinnerung gehalten.

Die Flure sind gesäumt von Glühwürmchen

Bei der Generalprobe in Raum 110 treibt Konrektorin Sylvia Neugebauer (50) ihre Schüler mit ansteckendem Enthusiasmus durch Stücke des Namensgebers. Die Jungen und Mädchen der Paul-Lincke-Grundschule singen von glimmenden Glühwürmchen, einem Kind „mit jelbe Schuh“ und immer wieder von: Berlin. Schon zu Lebzeiten des Mannes, den Leierkastenmänner und kaffeekochende Familien in den Biergärten zum „Operettenkönig“ und „Papa Lincke“ erhoben hatten, wetterten Feuilletonjournalisten, diese Lieder seien „unmöglich“ und wie in einer „billigen Chansonfabrik“ entstanden. „Aber Schüler finden Lincke-Lieder witzig“, sagt Direktor Hendrik Zeidler (49). „Das sind Ohrwürmer, die Laune machen.“ Vor seinem Büro sind die Flure gesäumt von gemalten Glühwürmchen. „Herzlichen Glückwunsch, Paul Lincke“ steht auf einem Bild. Leni aus der 4c hat getuscht, wie für sie eine bessere Welt aussähe: Ohne Raketen, aber mit einem riesigen Notenschlüssel, der alle Kontinente verbindet.

Montagvormittag geht es dann für drei fünfte Klassen zur Büste vor Linckes ehemaligem Wohnhaus an der Kreuzberger Oranienstraße 64. Sie polieren das Denkmal, geben eine Choreinlage und schlagen in der St. Jacobi-Kirche gegenüber das Taufbuch auf, um seinem Namen nachzuspüren.

Nicht einmal Erwachsene können sich den immer leicht beschwippst wirkenden Gassenhauern von Lincke und seinem Texter Heinrich „Heinz“ Bolten-Baeckers entziehen. Im Tipi etwa gipfelte die unerbittlich originalgetreue Premiere seiner Operette „Frau Luna“ Ende Oktober in Standing Ovations. Abende wie diese genehmigt oder verbietet eine zierliche Dame weit jenseits des Rentenalters. „Ick hab ma im Tipi beölt vor Lachen“, sagt Margot Lincke-Madersbacher. Bei einer Erweiterung olympischer Disziplinen könnte sie in den Kategorien „Berlinern“ und „Anekdotenerzählen“ antreten.

Seit Ende der 70er-Jahre ist die gelernte Buchhalterin und Großnichte des Komponisten Vorsitzende der Erbengemeinschaft: 19 Parteien, die an den ungezählten Hits wie „Schenk mir doch ein kleines bißchen Liebe“ und „Wir sind immer noch Berliner“ sowie mehr als einem halben Dutzend Operetten verdienen. „Wenn die Rechnungen eintreffen, wo Linckes Sachen gespielt wurden, kann ich immer nur Staunen. Neulich kam was aus Japan.“ Sie übernahm die Aufgabe, als ihr kurz nacheinander Mutter und Ehemann verstarben. „Mich dann um die Musik zu kümmern, war meine Medizin gegen den Kummer“, sagt sie.

Ärger beim Gastspiel im legendären Varietéhaus

Immer sonntags saß sie im Wohnzimmer an der Oranienstraße auf dem Teppich, spielte und hörte mit halbem Ohr zu, wie ihr Vater und Paul Lincke besprachen, welche Noten und Instrumente es für das gemeinsame Musikgeschäft an der Friedrichstraße zu bestellen galt. Von seinen Eskapaden bei einem Gastspiel im legendären Pariser Varietéhaus „Folies Bergère“ Ende der 1890er-Jahre erfuhr sie später. „Er war dort wohl ‚fremd unterwegs‘ gewesen“, formuliert sie grinsend – es ist eine ihrer Lieblingsanekdoten. „Das bekam seine Frau in Berlin zu hören, und eines Abends stand sie am Ende der Ouvertüre hinter ihm. Für jeden im Saal sichtbar, war sie an sein Pult geschlichen. Wie er sich umdreht, um seinen Applaus zu genießen, ist sie plötzlich da. Und knallt ihm eine.“ Das Pariser Publikum, so schreibt ein Lincke-Biograf, war vor Begeisterung kaum zu halten.

Das Familienwerk bestimmt noch immer den Alltag Lincke-Madersbachers. Mal verhindert sie, dass Linckes Gebeine vom Grab im Harz umgebettet werden, mal erteilt sie einem Darsteller aus „Frau Luna“ Unterricht im Berliner Dialekt. „Lincke füllt mein Leben aus“, sagt sie. Auf einer Podiumsdiskussion mit dem inzwischen verstorbenen Bundespräsidenten Walter Scheel unterbrach sie ihn einmal bei seinem Vortrag über die Hochkultur. „Und wat is mit Operette, is die nischt wert?“, fragte sie. Da habe das einstige Staatsoberhaupt ihr als Zeichen der Kapitulation das Mikrofon gereicht. Schweigend. Und die kleine Margot Lincke-Madersbacher aus Lichterfelde-Ost behielt in Sachen Paul Lincke wieder einmal das letzte Wort.

„Ein Abend bei Paul Lincke“ mit Musik und Talkgast Margot Lincke-Madersbacher, Märkisches Museum, Am Köllnischen Park 5, 10. November, 18 Uhr, Eintritt 3/2 Euro