Kino

Gewalt und Gängelung in der DDR: „Der Ost-Komplex“

Der Westdeutsche Jochen Hick dokumentiert in seinen Filmen die DDR. Diesmal begleitet er einen Zeitzeugen in Hohenschönhausen.

Foto: © Galeria Alaska Productions

Manche Sätze haben es in sich, gerade weil sie beiläufig daherkommen. „Es war nicht alles schlecht“ ist so einer. Eine ganze Generation hat damit ihr konformistisches Verhalten während der Nazizeit gerechtfertigt. „Es musste niemand abhauen“ könnte ein weiterer sein. In Jochen Hicks Dokumentarfilm „Der Ost-Komplex“ äußert ihn ein Besucher der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, ehemals die zentrale Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit der DDR.

Dort führt Mario Röllig als Zeitzeuge Gruppen durch die Räume, was bedeutet, dass er die allgemeinen Erklärungen um persönliche, selbst erlebte Details ergänzt. Röllig wollte 1987 als 19-Jähriger in den Westen fliehen, wurde aber an der Grenze geschnappt und saß drei Monate in Hohenschönhausen, bevor ihn die BRD „freikaufte“.

„Es musste niemand abhauen“

Die in der Haft erlebte Gewalt kombiniert mit Gängelung und Demütigung hat Röllig stark traumatisiert, was er so gefasst wie fesselnd zu vermitteln vermag. Aber nicht bei allen kommt seine Botschaft an. Ob ihn das Schicksal von Röllig nicht berühre, fragt Hicks hinter der Kamera einen skeptisch dreinblickenden Besucher. Der sagt im Wegdrehen eben diesen Satz: „Es musste niemand abhauen“.

Der in Westdeutschland geborene Regisseur Hick hat sich einen Namen gemacht mit Dokumentarfilmen wie „Ich kenn keinen - Allein unter Heteros“, die unsere Gesellschaft aus der Perspektive von Homosexuellen porträtierten. In „Out in Ost-Berlin“ hat er auch die Schwulen-Szene in der DDR beleuchtet. Mit dem „Ost-Komplex“ wendet er seinen Blick nun statt dem Erforschen der tabuisierten Seiten der Geschichte der Auseinandersetzung über Geschichte als solches zu.

Sorgfältige Auswahl der Szenen

Wie sein Protagonist selbst, der immer joviale, nie überhebliche und bewundernswert offen seine Empfindsamkeit zeigende Röllig, kommt Hicks Film auf den ersten Blick als scheinbar harmlos daher. Aber die sorgfältige Auswahl der Szenen addiert sich schnell zu einem Gesamtbild, das irritiert, aufwühlt. Und zeigt, dass der Streit darüber, inwiefern die DDR ein Unrechtsstaat war, bis in die heutige Auseinandersetzung über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit hineinwirkt.

Röllig als Protagonist erweist sich als sympathischer Glücksgriff und taktischer Schachzug zugleich. Er sitzt zwischen allen Stühlen: Als republikflüchtiger Sohn von biederen Parteimitgliedern, die noch immer das Fehlen einer „anständigen Schwiegertochter“ betrauern, und als bekennender Schwuler in einer CDU, die zwar sein Bedürfnis nach kritischer Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit erfüllt, deren ältere Riege aber sichtlich Schwierigkeiten mit seiner Homosexualität hat. Das Feingefühl, mit der Hick die Widersprüche darstellt, ohne sie polemisch auszubeuten, macht aus „Der Ost-Komplex“ einen berührenden und ungeheuer wichtigen Film.

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