Kultur

Die den Drachen zähmt

Schlagersängerin Andrea Berg begeistert 17.000 Fans bei ihrem Konzert in der Mercedes-Benz Arena

Es dürften die 17.000 Besucher vor Ort sein, die am Ende maximal hineinpassen – die Mercedes-Benz Arena ist überfüllt mit Menschen. Mit solchen, die heiß auf „ihre“ Andrea sind. Denn die meisten sind unverwüstliche Fans.

Als Andrea Berg nach der Pause in ihrem Glitzer-Mini nach jenen Leuten Ausschau hält, die schon mal hier in Berlin in einem ihrer Konzerte waren, da heben sich gerade vor dem äußersten Ende des Laufstegs, auf dem die Künstlerin stolziert, die Hände zahlreich. Die ganz Unverwüstlichen haben also keine Angst vor der Nähe zum Drachen, dessen Schwanz den Laufsteg darstellt und der sich im hinteren Teil der Bühne als famoses, fernosttaugliches Ungetüm erhebt.

Vor dem Riesendrachen wirkt die resolute 50-Jährige klein und zart. Nein, auch vor dem Star selbst, jener mittlerweile populärsten deutschen Schlagersängerin aller Zeiten, die mit ihren 13 Millionen verkauften CDs und ihrer Rekord-Halbwertzeit in den Charts selbst die Beatles geschlagen hat, braucht sich an diesem Abend niemand zu fürchten. Andrea Berg gönnt ihrem Publikum nicht nur lyrische, sie gönnt ihm kuschelige Momente. „Seid willkommen in meiner Fantasie!“ Das war auf der sommerlich heißen Schlagernacht im Juni in der Waldbühne noch ganz anders. Da musste sie eine passende, recht erdenschwere Antwort auf die prolligen Beats eines DJ Ötzi finden, musste den ebenfalls zuvor aufgetretenen Jürgen Drews in Grund und Boden rocken. Sie schlug da einen wilderen Ton an, fand die 22.000-köpfige Masse „echt geil“, stampfte im weißen Lackleder über die Bühne, legte athletisch Strecke zurück.

Jetzt bewegt sie sich locker und doch majestätisch auf ihrem Laufsteg und immer wieder hoch auf den Rücken des chinesischen Drachen, und der erste Auftritt von dort herab ist nicht ohne Risiko. Andrea Berg steigt zunächst eher zaghaft von dem Drachenhaupt herunter, um sie herum Assoziationen ihrer Backgroundtänzer an altchinesischen Kult mit Feuer, fliegenden roten Bändern und Kampfkunst. Es soll ein sympathischer Glücksdrache sein, wird Berg nicht müde zu betonen, ein beschützender. „Mit dem kann ich fliegen, frei sein.“

Sanfte Töne vor der Kulisse des Ungeheuers

Es sind im Gegensatz zur wilden Waldbühnenshow bewusst sanfte, träumerische Töne, die sie vor der Drachenkulisse anschlägt. Vielleicht wäre das auch ohne den ziemlich aufwendigen Fernost-Kitsch, der im Zenit des Abends im Auftritt von sechs bis sieben Kindern in Drachenkostümen gekrönt wird, möglich gewesen. Und das Konzept vom Drachen als Beschützer wird zwar von Andrea Berg eloquent kommentiert, ist aber trotzdem nicht sonderlich tief durchdacht. In ihren Liedern geht es ja nicht erst in letzter Zeit fast ausschließlich um die Frau, die ihren Kerl in die Wüste schickt, obwohl sie ihn noch liebt. Die Songs singen sich für die Andrea-Berg-Freunde mittlerweile fast wie von selbst: „Ich werde lächeln, wenn du gehst“, „Ich sterbe nicht nochmal wegen dir“ und dazu noch viele Lieder, viele Verse mehr.

Die Mischung von Herz und Verstand der sich lossagenden Frau soll nun jenes Feuer sein, das der Drache speit, sagt Berg. Das mag sie mit noch so großer Inbrunst vortragen, es klingt dem Stil nach wie die Pressemeldung einer Ausstellungskuratorin, dem Inhalt nach wie die Regierungserklärungen einer großen Koalition. Die Erzeugung von Feuer auf der Showbühne, und sei es noch so symbolisch, stellt man sich dann doch anders vor als eine „Mischung von Herz und Verstand“.

Der Drache ist trotzdem gut. Die Schlagerbühne braucht mächtige Elemente und zugleich beseelte. Hier spielt nicht Metallica. Andrea Bergs neue Show heißt „Seelenbeben“. Macht und Intimität müssen zusammenkommen, und das raffiniert ausgedachte Bühnenset mit der Band in den Klauen des mächtigen steinernen Flugdrachens und immer neuer Pyrotechnik ist dabei nur das Drumherum für die Frau, die Macht und Intimität an diesem Abend besser in sich vereint als vielleicht je zuvor. Andrea Berg schreitet ihre lange Bühne bis in die Mitte des Saals hinein nicht herrisch ab, aber kraftvoll und entspannt zugleich. Sie ist weiblich, singt schön und kann die Bühne als reife Frau doch viel spielender beherrschen als das um sie herumtanzende junge Gemüse. Die brechend volle Arena ist ab dem zweiten Lied der elegant in Rot gewandeten Sängerin sofort bereit, geschlossen mitzusingen.

Das Publikum fordert Lieder und Worte des Trostes

In einem völlig neuen optischen und akustischen Set wird dann klar, worum es an diesem Abend vor allem geht. Nicht alle im Publikum sind so stark, sich sofort und schnell von einem enttäuschten Liebesgefühl zu distanzieren, und das wissen Andrea Berg und ihre Showkonstrukteure. Für die meisten muss sie Worte und Lieder des Trostes bereithalten. Wir dürfen mit den Handys funzeln, es wird fast weihnachtlich auf der Andrea-Berg-Bühne, um den Drachen herum fällt der Schnee, die Akkorde und das Schlagzeug legen sich mit ihrer ganzen Schwere um die Besucher.

Nachdenklicher wird es jetzt mit „Wunderland“: „Wer zählt schon alle Tränen? Wer weiß, was wirklich bleibt?“ Andrea Berg, die Trösterin. Keiner in Deutschland hat zurzeit mehr Erfolg damit. 34.000 verkaufte Karten werden es wohl an den zwei Berg-Abenden in der Mercedes-Benz Arena sein. 300.000 Besucher sahen Bergs ausverkaufte Vorgänger-Tournee „Atlantis“. Diese Zahl wird wohl bei „Seelenbeben“ spielend überschritten.