Kultur

Kommissar Borowski und die Konvertitin aus Kiel

| Lesedauer: 3 Minuten
Felix Müller

Hassprediger, Flüchtlinge und eine junge Aussteigerin: Der „Tatort“ aus Kiel bleibt auf Augenhöhe mit den aktuellen Nachrichten

Der knurrige Borowski, so wie wir ihn kennen: Er sucht vor seinem Dienstgebäude einen Parkplatz. Ein Junge mit dunklen Haaren weist ihn ein. „Kleiner Schleimer“, murmelt Borowski.

Viel gegenwärtiger könnte es im „Tatort“ kaum zugehen. Direkt neben dem Kieler Kommissariat ist eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet worden. Das ergab sich aus der tatsächlichen Lage am Drehort, der Marinetechnikschule in Kiel. Regisseur Raymond Ley bezog die neuen Gegebenheiten einfach mit ein – und schuf nicht nur so einen „Tatort“, der sehr präzise in die heutige Zeit passt.

Denn seine Themen sind nicht nur die Flüchtlinge. Es sind die deutschen Aussteiger, die dem „Islamischen Staat“ dienen wollen. Es sind die Hassprediger in den Moscheen und ihre Konflikte mit den moderaten Gläubigen.

Schon im Vorspann werden mit blutroten Buchstaben Botschaften wie „Du bist der einzige Gott“ eingeblendet. Dann sehen wir die 17-jährige Julia (Mala Emde), die mit Kabelbindern an ein Heizungsrohr gefesselt ist. Es gelingt ihr, sich mit blutig gescheuerten Unterarmen zu befreien und zu ihrer Wohnung zu rennen. Unterwegs alarmiert sie die Polizei: Ihr Bruder habe ihrer Freundin Maria etwas angetan. Sie erreicht deren Wohnung, findet dort aber nur das alleingelassene Baby vor, nicht aber Maria.

Es sind schnelle, zum Teil hektische Schnittfolgen, in denen die ersten Minuten dieses „Tatorts“ erzählt werden. Die verwackelte Handkamera korrespondiert mit dem Innenleben Julias, denn sie steht kurz davor, ihr bisheriges Leben zu beenden und zum Islam zu konvertieren und ihrer Familie den Rücken zukehren. Sie hat bereits einen Abschiedsbrief an ihre Mutter geschrieben. Aber da ist noch die Sache mit Maria.

Und darin liegt auch das Problem dieses „Tatorts“. Denn er muss, um den Regeln des Genres zu entsprechen, zwei Geschichten erzählen: Die eines relativ gewöhnlichen Mordfalls und das psychologische Drama einer jungen Frau, die an die falschen Freunde gerät und ihr Leben über den Haufen wirft.

Letzteres gelingt Mala Emde in der Rolle der Julia großartig. Wir sehen sie mit Kopftuch über die Straßen Kiels gehen, wir sehen die abschätzigen Blicke der Passanten – die teils authentisch sind und mit versteckter Kamera eingefangen wurden. Wir sehen auch, wie die Indoktrination mit radikalen Glaubenssätzen sie immun gemacht hat gegen simple Argumente. Darin ist dieser „Tatort“ auf ganz ungewöhnliche Weise gelungen.

Aber wir sehen eben auch die Pflichtübung, das übliche Kriminalstück am Sonntagabend. Die Verdächtigen, die falschen Fährten, die am Ende unbefriedigende Auflösung. Beide Geschichten stehen leider etwas unverbunden nebeneinander, anstatt sich gegenseitig zu unterstützen. Vielleicht rührt Kommissar Borowskis notorische Missgelauntheit ja auch daher?

„Tatort: Borowski und das verlorene
Mädchen“. ARD, heute, 20.15 Uhr