Deutsches Symphonie-Orchester

Kent Nagano: „Bin inspiriert, wenn ich nach Berlin komme“

Kent Nagano dirigiert das Jubiläumskonzert des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin. Ein Interview.

Kent Nagano ist Ehrendirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters

Kent Nagano ist Ehrendirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters

Foto: Amin Akhtar

Das Deutsche Symphonie-Orchester (DSO) feiert am Sonntag sein 70-jährigen Bestehen. Das Jubiläumskonzert mit Werken von Schönberg, Haydn, Schumann und Ravel leitet Kent Nagano, der von 2000 bis 2006 Chefdirigent des Orchesters war. Als Ehrendirigent wird Nagano jetzt ans Pult in der Philharmonie treten. Das Gespräch fand am Rande einer Probe statt.

Herr Nagano, wenn Sie sich mit Abstand an Ihre Zeit beim DSO zurückerinnern, was war das Prägendste?

Kent Nagano: Ich habe einen wichtigen Moment von der Seele der Stadt erlebt. Das war ein Privileg. Die Energie in Berlin war explosiv, auf den Baustellen rund um den Potsdamer Platz stand ein Kran neben dem anderen Kran. Woche für Woche hatte man das Gefühl, die Skyline von Berlin hat sich verändert. So war auch meine Situation beim DSO, es gab viel Energie, Neugierde und Ambitionen. Ich war und bin immer inspiriert, wenn ich nach Berlin komme. Berlin ist eine Stadt der ständigen Metamorphosen.

Von Berlin gingen Sie nach München, seit vergangenem Jahr sind Sie in Hamburg. Tourende Stars sagen am Ende ihrer Shows gerne „Danke Berlin!“ oder „Danke München“! Sie sind immer gefährdet, die Stadt, in der sie gerade sind, zu verwechseln. Geht das Dirigenten auch so?

Das kann mir nicht passieren. Ich sehe Deutschland auch aus der Perspektive eines Amerikaners. In Deutschland mögen die Unterschiede zwischen München, Berlin oder Hamburg bekannt sein. Für uns Musiker hat Deutschland eine besondere Stellung, weil hier die lange klassische Tradition lebt, und ich denke, auch noch in Hunderten von Jahren. In Kanada leite ich das älteste Orchester, das Orchestre symphonique de Montréal. Es ist 80 Jahre alt, was in Nordamerika schon eine echte Tradition ist. Am Hamburger Gänsemarkt hat sich die Oper bereits 1678 etabliert. Was gab es in Nordamerika zu dieser Zeit?

Wo fühlen Sie sich als Dirigent am wohl­sten?

Ich fühle mich dort am wohlsten, wo ich mit meiner Musik gerade bin. Eine bestimmte Stadt kann ich gar nicht nennen. Es geht um etwas anderes: Klassische Musik ist keine Banalität des Alltags, sondern fließt in der Zeit, aber eben auch außerhalb des Zeit­­gei­s­tes. Das Repertoire ist unabhängig von Staatsgrenzen und von Moden. Wir sind glücklich, wenn wir unsere Musik miteinander teilen können. Und dort, wo das geschieht, sind wir am liebsten.

Ihr Orchester in Montreal ist 80 Jahre alt, beim DSO feiern Sie den 70. Geburtstag. Aber was bedeutet das Alter für ein Orchester, wenn die Musiker und auch die Dirigenten am Pult regelmäßig wechseln?

Ein Orchester wächst, wenn es gesund ist. Die Sinfonieorchester einer Stadt sind das Gleichnis für die Gesellschaft und für die Menschlichkeit. Unsere Welt verändert sich ständig, aber im Grunde genommen bleiben die Grundwerte der Menschen immer gleich. In einem gesunden Orchester wird das von Generation zu Generation weitergegeben, zugleich bringen die neuen Musiker andere Ideen und ästhetische Ansichten ins Orchester ein. Wenn alle „Inputs“ zusammenkommen, muss sich darin die Stadt spiegeln können.

Wie viele Musiker kennen Sie noch?

Es gibt einige neue Kollegen, aber die meisten kenne ich noch aus meiner Zeit als Chefdirigent. Der Wechsel findet langsam, aber konsequent statt. Zum Glück kehre ich regelmäßig ans Pult zurück.

Dirigenten sagen gern, die Orchester spielen heute besser als vor 50 oder 70 Jahren. Hört man alte Aufnahmen, hat man einen anderen Eindruck.

Nach meiner Erfahrung repräsentieren die jungen Musiker, die in ein Orchester kommen, den höchsten Stand an Ausbildung und technischem Vermögen. Das war immer so. Denn alle Revolu­tionen in der Technik und Gesellschaft haben – anthropologisch gesehen – Auswirkungen auf die Kunst. In die Tonaufnahmen spielt eine technische Entwicklung hinein. Es erinnert mich an mein erstes Handy, das hatte fast die Größe eines Ziegelsteins. Die Handys wurden immer schmaler, inzwischen halten wir kleine Computer am Ohr. Die Kommunikation geht immer schneller. Der Punkt ist aber, was hat man am Telefon zu sagen. In der Musik geht es nicht darum, alles schneller zu können, sondern etwas Gehaltvolles mitzuteilen. Technik ohne Inhalt ist reine Unterhaltung, und wird schnell wieder verschwinden. Nur Inhalte können die Zeit überleben. Schallplattenaufnahmen, die wir lieben, bedienen für uns eine bestimmte Vorstellung von Musik.

Beim DSO hatten Sie vier Vorgänger und bislang drei Nachfolger. Kennen Sie sich untereinander?

Einige ja. Mit Herrn Chailly und Herrn Ashkenazy habe ich viel geredet, bevor ich beim DSO angefangen habe. Leider habe ich nicht die Zeit von Ferenc Fric­say, dem ersten Chefdirigenten des RIAS-Symphonie-Orchesters, erlebt. Aber ich habe mit den Musikern viel über ihn gesprochen. Es war keine leichte Zeit so kurz nach dem Krieg, und es gab viele Spannungen mit den Amerikanern, was das Orchester des RIAS sein sollte.

Sie haben das Orchester relativ schnell wieder verlassen und wurden Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper.

Aber als ich wegging, war die Beziehung noch nicht beendet.

Aber Sie wollten doch gehen?

Wir haben ein Arrangement getroffen. Das Orchester sagte, wir finden eine neue Verbindung, und machte mich zu ihrem Ehrendirigenten. So können wir immer in Kontakt bleiben, über jede Ära von Chefdirigenten hinweg. Und unsere Beziehung offenbart eine kon­stante Entwicklung.

Seit 2015 sind Sie Generalmusikdirektor der Hamburger Staatsoper. Inwieweit sind Sie davon berührt, wenn im Januar die Elbphilharmonie eröffnet wird?

Es war zu allen Zeiten eine große Aktion, ein neues Konzerthaus zu erbauen. Das erlebt man nicht jeden Tag, jeden Monat. Ich sehe darin ein positives Signal für die Gesellschaft. Wir erwarten, in der neuen Elbphilharmonie mehr Repertoire spielen zu können als in der kleineren Laeiszhalle. Wenn wir nicht in der Staatsoper spielen, dann werden wir künftig in der Elbphilharmonie sein. Es ist auch unser Haus.

Sie sind ein US-Amerikaner mit japanischen Wurzeln. Wie spricht man eigentlich Ihren Nachnamen richtig aus. Auf welcher Silbe liegt die Betonung?

Im Japanischen gibt es keine Betonung, aber das ist für die meisten schwer nachzuvollziehen. Als 1998 die Olympischen Winterspiele in Nagano stattfanden, hatte jemand bei CNN die Idee, Nachrichten und Kultur zusammenzu- bringen. Man nahm an, die Familie von Kent Nagano muss aus Nagano kommen. Ich wurde also im Interview befragt, wie man Nagano richtig ausspricht. Aber am Ende hörte ich in den Nachrichten wieder nur eine Variante. International höre ich drei verschiedene Betonungen. Ich sage mal, alle sind richtig.