Kultur

„Es war eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln“

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Volker Blech

Gerhard Kämpfe leitet die Jüdischen Kulturtage. Heute ist Eröffnung in der Synagoge Rykestraße

In der Synagoge Rykestraße werden am Sonnabend die 29. Jüdischen Kulturtage eröffnet, die bis zum 13. November in verschiedene Synagogen, Buchhandlungen oder Kinos der Stadt einladen. Die Kulturtage werden zum ersten Mal vom Berliner Festivalveranstalter Gerhard Kämpfe („Classic Open Air“ auf dem Gendarmenmarkt) geleitet. Wir trafen ihn bei den letzten Vorbereitungen.

Die Kulturtage waren im vergangenen Jahr ausgefallen, Sie starten heute mit der Neuauflage. Gibt es denn so ein großes Interesse daran?

Gerhard Kämpfe: Die ersten Reaktionen in der Jüdischen Gemeinde waren sehr positiv. Was das Programm betrifft, sitzen wird ja im Team zusammen. Ich mache die Kulturtage zum ersten Mal und habe Schmetterlinge im Bauch. Natürlich haben wir uns schöne Programme ausgedacht, aber man muss sie auch auf die Bühne bringen.

Was ist typisch für Ihr Programm?

Ganz typisch ist das Eröffnungsprogramm „Bei mir bist du schoen – Jews in Jazz“, weil es viel mit Musik zu tun hat. Wer meinen Humor kennt, weiß, dass der zweite Abend „Lerne lachen ohne zu weinen“ im Renaissance-Theater viel mit mir zu tun hat. Wichtig ist mir das Programm „Derwisch trifft Meister Eckhart“ im Kesselhaus der Kulturbrauerei. An diesem Abend treffen sich die drei großen monotheistischen Weltreligionen zu einem kulturellen und vor allen Dingen friedlichen Miteinander. Klezmer und Sufi-Musik treffen auf christlich-mythologische Texte des Meister Eckhart, die Nina Hoger liest.

Ihr Programm setzt insgesamt mehr auf Berliner Künstler?

Ja. Wir haben die Kulturtage mit „Shalom Berlin!“ überschrieben. Aus Berlin, für Berlin. Shalom ist als Friedensgruß bekannt. Der Gruß bedeutet auch, dass ich dem anderen Wohlergehen wünsche. Ich gehe auf ihn zu. Das ist in unserer Gesellschaft augenblicklich dringend notwendig.

An wen wenden sich die Kulturtage? Ist es mehr ein Fest der Gemeinde oder eine Bildungsveranstaltung für Nichtjuden?

Ich gehe mal davon aus, dass sich die in Berlin lebenden Juden mit ihrer Kultur beschäftigt haben. Sie können vielleicht manches aus einem anderen Blickwinkel entdecken. Aber wir freuen uns vor allem auch, wenn viele Nichtjuden zu diesen Programmen kommen, um sich mit jüdischer Kultur zu beschäftigen.

Haben Sie denn durch den Vorverkauf schon eine Ahnung, wer so kommen wird?

Das ist schwer zu sagen. Natürlich sind viele Karten von Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde gekauft worden. Der Abend vom RBB-Inforadio „Was heißt Jüdisch sein in Berlin heute?“, zu dem auch Klaus Wowereit in die Villa Liebermann kommt, war sofort ausverkauft. Ebenso der Montagabend im Renaissance-Theater, wenn es um jüdischen Humor geht. Was ich aus meinem Umfeld höre, das zu 90 Prozent aus Nichtjuden besteht, haben ganz viele schon Karten gekauft.

Am Schabbat, dem Ruhetag, an dem gläubige Juden nicht arbeiten, machen auch die Kulturtage frei. Warum?

Es ist eine Frage der Achtung. Jemand, der tief religiös ist, wird am Schabbes nichts tun. Wir machen viele Veranstaltungen in jüdischen Institutionen. Der Schabbat beginnt freitags mit Sonnenuntergang und endet am Sonnabend mit Sonnenuntergang. Für das heutige Eröffnungskonzert mussten wir alle Vorbereitungen bis Freitagnachmittag beendet haben. Dann ruht alles, und erst kurz vor der Eröffnung geht es weiter. Ich muss manchmal auch am Schabbes arbeiten wie viele Juden in Berlin.

Man kennt Sie vor allem durch „Classic Open Air“ auf dem Gendarmenmarkt. Was haben Sie in der Vorbereitung der Jüdischen Kulturtage über sich selbst erfahren?

Es war eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln. Meine Mutter war Jüdin, aber ich habe das Jüdische nie wie eine Fahne vor mir hergetragen. Außer, dass ich andauernd jüdische Witze erzähle. Ich muss sagen, dass ich in der Beschäftigung mit jüdischen Autoren, Filmemachern, bildenden Künstlern und Komponisten viel gelernt habe. Nehmen wir den Komponisten Gustav Mahler, der aus einem jüdischen Elternhaus kam, aber mit dem Judentum nicht viel am Hut hatte. Hört man seine Sinfonien, dann kann man auch jüdische Klangtraditionen dahinter entdecken. Wobei auch ich die Auffassung vertrete, dass es keine typisch jüdische Musik gibt. Es gibt Musik, die von Juden, Christen, Moslems oder sonst wem geschaffen wurden. Der Begriff jüdische Musik wurde von den Nazis missbraucht.

Gibt es einen typisch jüdischen Humor?

Ich glaube, dass Juden in den 2000 Jahren Diaspora immer irgendwo in einer Minderheit lebten. Die Situation war häufig unersprießlich. Jeder weiß, dass Humor hilft, gerade auch, wenn man über sich selbst und seine eigenen Schwächen lachen kann. Hinzu kommt: Wer über sich selbst lacht, wirkt einem Dritten gegenüber etwas ungefährlicher. Der jüdische Humor besticht häufig durch eine Hintergründigkeit. Es ist häufig eine Mischung aus Bitterkeit und Akzeptanz der Gegebenheiten. Viele Witze haben Chuzpe, also etwas Freches in sich.

Das müssen Sie jetzt mit einem Beispiel belegen.

Zwei Bettler sitzen vor einer Kathedrale. Der linke trägt ein Kreuz um den Hals, der rechte einen Davidstern. Menschen kommen aus der Kirche und werfen dem linken Bettler Geld in den Hut. Ein Mann tritt auf den jüdischen Bettler zu und empfiehlt, sich doch besser vor die Synagoge zu setzen. Der zuckt nur mit den Schultern. Kaum ist der Mann weg, meint der jüdische Bettler zum offensichtlich christlichen Bettler: Siehst du, Moishele, jetzt wollen uns die Gojim etwas vom Marketing erzählen.