Kultur

Berlins Märchenonkel

Fünf Millionen Menschen haben sich Volker Strübings Youtube-Clips „Kloß und Spinne“ angeschaut, jetzt erscheinen sie als Buch

Mit zerzausten Haaren und halb geöffnetem Rucksack steigt Volker Strübing von seinem Fahrrad. Der dreifache Poetry-Slam-Meister ist gerade von einer Lesereise für sein neues Buch „Kloß und Spinne“ durch Hessen, Baden-Württemberg und die Niederlande zurückgekehrt. Zum Gespräch hat er sich das „Café Butter“ in Prenzlauer Berg ausgesucht. Er setzt sich an einen der Holztische und bestellt einen frischen Pfefferminztee. Eigentlich sei er Geschichtenerzähler – oder besser Märchenonkel, sagt der 45-Jährige. Als Schriftsteller bezeichne er sich nur ungern. Er wolle keine hochtrabenden pädagogischen oder politischen Botschaften versenden, sondern unterhalten, ohne die Menschen dümmer zu machen.

Wilde Jugend in Marzahn mit Punkmusik und Lesebühnen

Schlau unterhalten, das macht Volker Strübing auch in seinem neusten Buch „Kloß und Spinne“, das kürzlich erschien. Vor zehn Jahren erfand Strübing die beiden Titelfiguren. Seitdem treffen sich Kloß, ein extremer Schwarzseher, und Spinne, ein immerzu positiver Mensch, regelmäßig in einer Bar irgendwo im Osten Berlins, um über die großen und kleinen Fragen des Lebens zu diskutieren. Die ersten Folgen von „Kloß & Spinne“ entstanden für das Radio. Um den Charakteren ein Gesicht zu geben, begann Strübing um die Dialoge herum einen Trickfilm zu bauen. Ganz ohne vorherige Erfahrung. Er habe einfach Kreise und Linien in einem Programm zusammengesetzt und sich so zu den ersten Clips vorgekämpft. Dann lud er die Filme ins Internet und wartete auf ein Wunder.

Das Wunder geschah. Die Trickfilme wurden immer wieder verlinkt, die Klickzahlen schnellten in die Höhe und waren rasch im vierstelligen Bereich. Heute haben über fünf Millionen Menschen die absurd-satirischen Episoden gesehen, die durch ihre ironisch-bissigen Dialoge an Marc-Uwe Klings „Känguru-Chroniken“ erinnern. Dabei schien es zunächst einmal vollkommen abwegig, dass aus Volker aus Marzahn einmal ein Künstler werden sollte. 1971 im thüringischen Sondershausen geboren, ging Strübing in Marzahn zur Schule. In seiner Klasse seien Kinder aus den unterschiedlichsten Familien gewesen, nur „Künstlerkinder“ habe es nicht gegeben. Nach der Schule zog es Strübing dann in die Lehre zum Facharbeiter für Datenverarbeitung statt auf die Bühne. Während seiner Ausbildung entdeckte er Punkmusik und damit ein „Fenster in eine neue Welt“. Als die wilden Nächte in den Jugendclubs immer weniger wurden, fand sich eine andere Art der Rebellion: Lesebühnen. „Ich dachte, Lesebühnen seien langweilig, und wollte zu keiner der Veranstaltungen gehen“, sagt Volker Strübing. Dann ließ er sich trotzdem überreden und war sogleich fasziniert von der Energie der Zuschauer, die die Menschen auf der Bühne feierten.

„Keiner der Menschen auf der Bühne hatte studiert, keiner kümmerte sich um Regeln, es ging einfach darum, eine Geschichte zu erzählen“, sagt Volker Strübing. Lesebühnen seien damals eine Subkultur gewesen, eine Szene, die abseits vom normalen Literatur- und Kunstbetrieb existierte. „Ich wusste sofort: Das will ich auch machen“, sagt Strübing. Einige Jahre später, 1996, gründete er zusammen mit Freunden die Lesebühne „LSD – Liebe Statt Drogen“ und hatte seinen Themenbereich in absurd-satirischen Alltags-, Märchen- und Science-Fiction-Geschichten gefunden. Heute ist der 45-Jährige dreifacher deutschsprachiger Poetry-Slam-Meister, hat neben etlichen Kurzgeschichten einen satirischen Science-Fiction-Roman veröffentlicht und wird zu Veranstaltungen in ganz Deutschland eingeladen. Obwohl Poetry Slams und Lesebühnen längst im Literaturbetrieb etabliert sind, ist Volker Strübing immer noch von den Möglichkeiten der Bühnen begeistert. Das Tolle sei, dass auf Lesebühnen jeder seine Texte vor Publikum präsentieren könne, ohne darauf zu warten, von einem Verlag veröffentlicht zu werden, sagt er.

Geld verdienen kann man mit Poetry Slams aber nur selten. Meist werden Fahrtkosten erstattet und Getränkemarken verteilt. Die Auftritte sind eine Plattform für weitere Aufträge. Wer auf kleinen Bühnen begeistert, wird auch in große Theatersäle geladen und erhält ein Honorar. Viele Slammer bieten Seminare an, um so Geld zu verdienen.

Das Fernsehen machte ihn zum Seemann

Wenn Volker Strübing einmal genug hat, vom Figurenzeichnen und Bühnenauftritten, verbringt er seine Zeit gerne auf Schiffen. So fuhr er für einen Fernsehsender mehrere Wochen über den Nordatlantik. Das sei eines der intensivsten Erlebnisse seines Lebens gewesen. Als das Schiff in einem Sturm fast kenterte und er als Einziger nicht seekrank über der Reling hing, hatte er dann die Erkenntnis: Ich bin eigentlich ein Seemann. „Ich habe mich absolut in die romantische Idee der Freiheit auf dem Meer hineingesteigert.“ Eine Freiheit, die er sich auch in Berlin erhalten möchte. Immer wieder sei er in finanziellen Schwierigkeiten gewesen, als es dann endlich besser lief, hätten die Selbstzweifel begonnen. Am Ende habe jedoch immer die Erkenntnis gestanden: „In keinem anderen Job wäre ich so gut wie in diesem.“