Theaterkritik

Die gestorbene Ex-Frau ist immer zugegen

Stück des japanischen Autors Okada wird im HAU 3 gezeigt

Ein Zimmer, ein Mann, zwei Frauen. Die eine, Arisa, hat einen langen Weg vor sich bis sie bei ihm ist und dann steht sie ewig auf der Türschwelle, traut sich kaum herein. Die andere, Honoka, hat ein gemeinsames Leben mit ihm hinter sich, vor einem Jahr ist sie gestorben, ist aber immer noch zugegen.

Es ist ein seltsames Zwischenreich, in dem der japanische Autor und Regisseur Toshiki Okada seinen kleinen, feinen Abend „Time’s Journey Through a Room“ ansiedelt, mit dem er jetzt im HAU 3 gastiert. Wie im traditionellen japanischen Nō-Theater treffen hier die Lebenden auf die Toten. Es hätte eine klassische Beziehungskiste werden können, eine Erzählung vom Loslassen der alten Liebe und vom Neuanfang, doch Toshiki Okada ist kein traditioneller Erzähler. Er setzt die Dreierbegegnung in den Kontext der japanischen
Erdbebenkatastrophe vom März 2011, als in Japan die Welt ins Wanken geriet durch das Beben, den Tsunami und das Reaktorunglück von Fukushima. Honoka starb genau in diesen Tagen, nicht an den Folgen des Bebens, sondern an Asthma. Aber eben in einem Moment, in dem das Land zunächst beinahe zusammenzubrechen drohte, plötzlich aber auch so etwas wie ein gesellschaftlicher Aufbruch möglich schien. Dieses Gefühl hat sich Honoka bewahrt, sie nennt es „Verwandlung“, während die anderen, die Lebenden, längst desillusioniert sind.

Dafür finden Toshiki Okada und seine Gruppe „chelfitsch“ eine eigenwillige, ebenso schlichte wie irritierende Form: Die drei Menschen auf der Bühne nämlich sind seltsam entkoppelt von ihren Körpern, ihre Finger zupfen wieder und wieder an der Kleidung, die Füße, die Hände verdrehen sich in unnatürlichen Bewegungen wie in Zeitlupe. Ein beunruhigender Kontrast zu den klaren, knappen Sätzen, die sie sprechen. Dazu kommen Geräusche, kaum wahrnehmbar, aber doch als Fremdkörper zu identifizieren. Ein Telefon klingelt leise, gleichzeitig springt irgendwo die Beleuchtung an. Auf einem Topf dreht sich ein Plattenteller mit einem Stein drauf, daneben ein Wasserglas, in dem es blubbert. Das alles geschieht in einem schlichten Setting, das im Wesentlichen nur aus einem Tisch und zwei Stühlen besteht, ganz unaufdringlich. Doch gerade inmitten dieser scheinbaren Harmlosigkeit der Situation treten die totale Verlorenheit der Figuren und ihre Entfremdung von der Welt faszinierend klar zutage.

Hebbel am Ufer 3, Tempelhofer Ufer 10, Kreuzberg. Kartentel. 25 90 04 27. Wieder
am 3.11., 19 Uhr. Japanisch mit deutschen und englischen Übertiteln.