Jazzfest Berlin

Ein Patchwork aus Sounds und Emotionen mit Matana Roberts

Ausverkaufter Martin-Gropius-Bau: Die Saxofonistin und Performancekünstlerin Matana Roberts spielt ihre Hommage an Pina Bausch.

Matana Roberts

Matana Roberts

Foto: Jazzfest Berlin/Jason Fulford

Als das Publikum seine Plätze einnimmt, ist die Band schon längst auf der Bühne. Und spielt. Über von einem Schlagzeuger angetriebene elektronische Klangflächen schweben Stimmen-, Trompeten- und Saxofontupfer, eine großstädtische Kakophonie, ein Patchwork aus Sounds und Emotionen, das Harmonieseligkeit gar nicht erst aufkommen lassen will.

Die New Yorker Saxofonistin und Performancekünstlerin Matana Roberts führt am Dienstagabend als Vorspiel zum Jazzfest Berlin, das am Donnerstag im Haus der Berliner Festspiele eröffnet wird, ihre gut 50 Minuten währende Komposition „For Pina“ auf. Sie macht das in einer Rekonstruktion der „Lichtburg“, jenem alten Wuppertaler Kino, das dem Tanztheater von Pina Bausch viele Jahre als Probenraum diente. Und das nun zentraler Ort der Pina-Bausch-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau ist.

Ausverkaufter Martin-Gropius-Bau

Das ausverkaufte Konzert im Museum ist so anregend wie irritierend. Ein durchkomponierter Brocken mit Raum für Improvisationen, illustriert durch Filmschnipsel, die in einer Endlosschleife schwarzweiße Bilder von New Yorker Straßen, Mauern, Graffitis, Tags und U-Bahn-Schienen aneinander reiht. Matana Roberts, die mit der Musik von Sun Ra und Albert Ayler in Chicago aufgewachsen ist und seit 2002 in New York lebt und arbeitet, hat sich für dieses Projekt mit in Berlin lebenden Musikern zusammengetan.

Der Trompeter Nicolaus Neuser gehört dazu und beschwört mit warmem Ton atmosphärische New-York-Bilder. Dan Bodan rezitiert Satzfetzen, schreit, keucht, kreischt ins Mikrofon und nutzt seine Stimme als geräuschvolles Instrument. Christina Wheeler tut es ihm gleich und sorgt zudem für elektronische Maschinensounds. Und da ist der Schlagzeuger Andrea Belfi, der dieses Werk mit so rhythmischem wie freiem Spiel zusammen hält.

Nelken für das Publikum

Das Bühnenpodest ist vollgestellt mit roten Nelken. Immer wieder werfen die Musiker zwischendurch Blumen in den Saal. Bei Pina Bausch waren sie rosa. „Nelken“ heißt die Anfang der 80er-Jahre entstandene Choreografie, die die Musiker hier zitieren. Und gegen Ende wiederholt Matana Roberts auf Englisch mehrfach das Pina-Bausch-Credo „Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern was sie bewegt.“

Dieser nicht immer überzeugende Abend im Martin-Gropius-Bau, der mit einem wunderschönen Saxofonsolo als Zugabe versöhnt, steht sozusagen programmatisch für das, was die Jazzfest-Besucher in den kommenden Tagen erwartet. Es geht um eine neue, frische, junge Sicht auf die tradierten Werte des Jazz, es geht um Improvisation, Interaktion und, wie Festival-Chef Richard Williams es formuliert, die Kunst der Konversation. Und es geht auch darum, den Frauen im Jazz mehr Gehör zu verschaffen.

Das zeigt sich auch am Eröffnungsabend am Donnerstag, bei dem das Quartett von Pianistin Julia Hülsmann auf die Saxofonistin Anna-Lena Schnabel trifft. Außerdem tritt die norwegische Saxofonistin Mette Henriette mit ihrer Großformation auf. Dritter im Bunde ist der Trompeter Wadada Leo Smith mit seinem Great Lakes Quartet. Er wird am Sonntag um 15 Uhr erneut auftreten, dann im Duo mit Organist Alexander Hawkins in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche.

Weiter Höhepunkte des Jazzfestes

Zu den Höhepunkten der kommenden Tage zählen etwa der Duo-Auftritt von Pianist Brad Mehldau und Saxofonist Joshua Redman sowie die Pianistin Myra Melford mit ihrem Projekt Snowy Egret am Freitag und das Trio von Schlagzeuger Jack DeJohnette, Bassist Matt Garrison und Saxofonist Ravi Coltrane am Sonnabend.

Und der Sonntag bringt die Band der kalifornische Sängerin und Songschreiberin Julia Holter mit einem Berliner Streicherensemble zusammen. Holter hat nach anfänglich zwar spannenden, dennoch schwer zugänglichen Konzeptalben mit ihrer im vergangenen Jahr erschienenen Platte „Have You in My Wilderness“ den Weg zu eingängigeren Popmelodien gefunden, in denen sie unterschiedlichste Genres von Jazz über Klassik und Electronica bis zu Country auf wunderbare Weise zu vereinen weiß.

Die französische Pianistin Eve Risser setzt am Sonntagabend mit ihrem Desert Orchestra den Schlusspunkt unter ein ambitioniertes, mutiges und mitunter auch die Konfrontation nicht scheuendes Festivalprogramm. Nahezu alle Konzerte sind bereits ausverkauft, am Wochenende sind noch einige wenige Karten erhältlich.

Infos und Tickets unter www.jazzfest-berlin.de